Horoskopanalysen

Flirt- und Erotikhoroskop: ein junges Kapitel

Ein eigenes Kapitel für Flirt und Erotik gehört heute zum Standard, wenn ein Geburtsbild ausgewertet wird, und angekündigt wird es meist mit den größten Worten. Bevor Du so einen Text liest, hilft eine Einordnung, die selten darin steht: Dieses Kapitel ist jung — deutlich jünger als das Fach, auf das es sich beruft.

Die überlieferten Lehrbücher sprechen von der Ehe

Wer in die alte Literatur schaut, findet zum Thema Liebe durchaus ausführliche Abschnitte. Nur handeln sie von etwas anderem, als die heutige Überschrift erwarten lässt. Verhandelt wird die Heirat: ob eine Verbindung zustande kommt, mit wem aus welchem Umfeld, ob sie hält, was sie an Vermögen und Ansehen mit sich bringt, ob Kinder dazugehören. Das Begehren kommt vor, aber am Rand.

Das lag nicht daran, dass früher weniger begehrt worden wäre. Es lag an den Fragen, mit denen man zu einem Astrologen ging. Eine Heirat war eine Angelegenheit zwischen Familien, mit Folgen für Besitz, Stand und Versorgung — also etwas, wozu man Rat einholte. Wonach es einen verlangte, war dagegen keine Frage, die man jemandem vorlegte.

Wie das achte Haus zu seinem Ruf kam

Am deutlichsten wird die Verschiebung am achten der zwölf Häuser. Klassisch gehören dorthin das Erbe, die Mitgift und alles, was dem Partner gehört: Das Feld folgt im Kreis unmittelbar auf den Bereich der Partnerschaft, und behandelt wurde in ihm der materielle Teil einer Verbindung — daneben, in derselben Zuständigkeit, das Sterben. In heutigen Texten dagegen ist es das Feld der Sexualität und der Hingabe.

Dazwischen liegt eine Umdeutung, die im zwanzigsten Jahrhundert stattfand: Aus dem, was zwei Menschen gemeinsam haben und worüber keiner allein verfügt, wurde ein seelischer Vorgang — sich einlassen, die Steuerung abgeben, etwas eingehen, das sich nicht zurücknehmen lässt. Der Schritt ist nachvollziehbar, und was daraus entstanden ist, hat sich in der Beratung bewährt. Alt ist es nur eben nicht.

Beim Lesen heißt das: Wenn ein Text sein ganzes Gewicht auf dieses Feld legt, arbeitet er mit einer modernen Lesart. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange er sie nicht als uraltes Geheimwissen ausgibt.

Eine Minute Himmel, fünfzig Jahre Leben

Die zweite Einordnung betrifft die Zeit. Die Zeichnung, aus der so ein Kapitel gerechnet wird, zeigt den Himmel einer einzigen Minute und bleibt danach unverändert. Was ein Mensch mit zwanzig sucht und was ihn mit fünfzig noch interessiert, geht dagegen weit auseinander — ohne dass sich in seiner Karte ein einziger Punkt bewegt hätte.

Ein Flirt- und Erotikhoroskop beschreibt deshalb keinen Lebensabschnitt, sondern eine Anlage: eine Art, angezogen zu werden, die sich in verschiedenen Jahren verschieden zeigt. Ein Satz, der heute danebenliegt, hat vor zehn Jahren vielleicht genau gestimmt; einer, der Dir jetzt nichts sagt, sagt Dir in fünf Jahren etwas. Aus diesem Grund lohnt es sich, so einen Text nach einiger Zeit noch einmal hervorzuholen — nicht weil er sich geändert hat, sondern weil Du es hast.

Zwei Fragen, ein Gegenstand

Die alte und die neue Frage stehen einander näher, als es zunächst aussieht; sie kommen nur von entgegengesetzten Enden. Früher lautete sie: Kommt die Verbindung zustande, und trägt sie? Heute lautet sie: Wie bin ich eigentlich darin? Gemeint ist beide Male dasselbe Stück Leben, einmal von außen betrachtet und einmal von innen.

Der Unterschied liegt beim Adressaten. Die ältere Frage wurde vor Leuten verhandelt, vor Familien und Nachbarschaften, und ihre Antwort hatte Folgen, die sich zählen ließen. Die heutige hat niemanden mehr außerhalb, an dem sie sich bricht. Das macht sie ehrlicher und zugleich anfälliger für große Ankündigungen: Wo nichts nachgerechnet wird, darf ein Text alles versprechen.

Brauchbar ist so ein Kapitel deshalb dann, wenn es beschreibt, statt zu enthüllen — wenn es sagt, welche Art von Nähe jemandem leichtfällt und welche ihn Mühe kostet, und offenlässt, was daraus wird. Was in den anderen Kapiteln steht, findest Du unter Horoskope.