Börsenastrologie: was Finanzastrologen rechnen und was davon trägt
Kaum ein Zweig der Astrologie verspricht so viel wie dieser: Wer wüsste, wann Gold anzieht und wann ein Markt dreht, hätte ausgesorgt. Was dabei gerechnet wird, ist erstaunlich handfest — und gerade deshalb lässt sich genau sagen, wo die Rechnung aufhört zu tragen.
Womit dieser Zweig arbeitet
Dein eigenes Geburtsbild spielt hier keine Rolle. Gerechnet wird mit drei Dingen.
- Mit dem Horoskop eines Unternehmens oder einer Börse, aufgestellt für den Gründungsakt oder für die Minute des ersten Handels.
- Mit den Umläufen der langsamen Planeten, die über eine Kursreihe gelegt werden, in der Erwartung, dass Hochs und Tiefs sich an ihnen ausrichten.
- Mit dem Kalender wiederkehrender Stellungen: rückläufiger Merkur, Neumonde, Finsternisse. Diese Termine stehen Jahrzehnte im Voraus fest, was sie als Aufhänger beliebt macht.
Eines hat dieser Zweig den übrigen voraus: Sein Ausgangsmaterial ist sauber. Eintragung, Börsengang und erster Kurs sind auf die Minute protokolliert, die Kurse lückenlos überliefert. Auf unsichere Daten kann sich hier niemand herausreden.
Gold gehört der Sonne — woher der Satz kommt
Ein Rohstoff hat keinen Gründungstag. Damit Gold trotzdem astrologisch behandelt werden kann, greift man auf eine alte Zuordnung zurück: Jedes der sieben klassischen Metalle gehört einem der sieben Wandelsterne. Gold der Sonne, Silber dem Mond, Quecksilber dem Merkur, Kupfer der Venus, Eisen dem Mars, Zinn dem Jupiter, Blei dem Saturn. In der Alchemie wurde die Reihe zum festen Bestand; dort stand für Metall und Planet häufig dasselbe Zeichen.
Als Ordnung von Bildern ist das schlüssig: Glanz, Unvergänglichkeit und Wärme passen zusammen, und wer die Planeten kennt, sieht sofort, warum diese Paare gebildet wurden. Nur führt von dort kein Weg zu einer Zahl. Was der Goldpreis tut, hängt an Zinsen, Wechselkursen, den Käufen der Zentralbanken und daran, wie nervös die Anleger gerade sind. Der Stand der Sonne ist keine dieser Größen.
Was beim Nachrechnen schiefgeht
Saturn braucht für seine Runde um die Sonne knapp dreißig Jahre, Jupiter nicht ganz zwölf. Ihre Begegnung am Himmel gibt es ungefähr fünfmal in hundert Jahren. Wer sie mit Wirtschaftskrisen in Verbindung bringt, hat für ein ganzes Jahrhundert Kursgeschichte also fünf Fälle vor sich. Aus fünf Fällen lässt sich einiges erzählen und nichts belegen.
Dazu kommt eine Tücke, die mit dem Himmel gar nichts zu tun hat: Ein Preis ist immer ein Verhältnis. Gold wird üblicherweise in Dollar notiert — gibt der Dollar nach, steigt der Goldpreis, ohne dass sich am Gold irgendetwas geändert hätte. Wer eine Prognose nachrechnet, muss deshalb zuerst wissen, worin gerechnet wurde; in Euro sieht dieselbe Bewegung oft ganz anders aus.
Der Markt ist kein Himmelskörper
Planetenstände lassen sich Jahrhunderte im Voraus ausrechnen, weil niemand sie beeinflusst. Ein Kurs entsteht anders. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen, und Entscheidungen ändern sich, sobald die Beteiligten etwas Neues erfahren — eine veröffentlichte Prognose eingeschlossen.
Daraus folgt eine Schwierigkeit, die dieser Zweig mit jeder Marktvorhersage teilt: Wäre eine Prognose zuverlässig und obendrein öffentlich, würden genug Leute danach handeln, um den Vorteil aufzubrauchen, ehe der angekündigte Termin da ist. Was zuverlässig funktioniert, wird selten verkauft. Es wird benutzt.
Und noch eine Hürde: Über lange Zeiträume sind breite Aktienmärkte häufiger gestiegen als gefallen. Wer auf steigende Kurse setzt, liegt deshalb oft richtig, ohne etwas gewusst zu haben. Eine Prognose zeigt erst dann etwas, wenn sie diesen Dauerbefund schlägt.
Und Dein Geld
Anlageberatung ist in Deutschland ein erlaubnispflichtiges Geschäft mit Auflagen und Haftung. Ein astrologischer Marktkommentar ist das nicht und ersetzt es auch nicht. Wer Geld einsetzt, das er im nächsten Jahr braucht, trägt das Risiko allein.
Bleibt die Frage, warum dieser Zweig so anzieht. Vermutlich, weil Kurse ungewiss sind und Ungewissheit schwer auszuhalten ist. Eine Regel, und sei sie geliehen, fühlt sich besser an als keine. Wie die Astrologie sonst mit Zeiträumen umgeht, siehst Du bei den Horoskopen.