Horoskopanalysen

Dieselbe Geburtsminute, zwei verschiedene Leben

Zwei Kinder kommen in derselben Klinik zur selben Minute zur Welt. Lässt man für beide eine Horoskopanalyse rechnen, kommt zweimal derselbe Text heraus. Nicht ungefähr derselbe, sondern Wort für Wort, bis in den letzten Absatz. Das ist kein Einwand, den sich jemand ausgedacht hat, sondern eine schlichte Folge des Verfahrens. Und es ist der kürzeste Weg, sich klarzumachen, was in so einem Heft stehen kann und was darin nie stehen wird.

Was die beiden Auswertungen teilen

Alles, was aus den drei Angaben folgt: wo die Planeten standen, Sonne und Mond eingeschlossen, welcher Grad im Osten aufging, wie die zwölf Felder liegen, welche Winkel die Faktoren bilden. Daraus baut sich der Text zusammen, und weil die Zahlen für beide Kinder dieselben sind, sind es die Sätze ebenfalls. Wer den einen Umschlag öffnet, weiß, was im anderen steht.

Was in die Rechnung nie hineingeht

Die andere Seite ist die interessantere. Nicht eingegeben werden Sprache und Herkunft, Land und Jahrzehnt, die Zahl der Geschwister, der Beruf der Eltern. Die Rechnung weiß nicht, ob zu Hause vorgelesen wurde, ob Geld für Musikunterricht da war, ob ein Elternteil lange krank lag, ob das Kind erwartet oder überraschend gekommen ist. Was nie abgefragt wurde, kann im Ergebnis nicht auftauchen.

Daran erkennst Du, wo ein Text seine Grundlage verlässt. Sobald eine Auswertung Umstände benennt, einen Beruf etwa, eine Wohnlage oder eine Familiengeschichte, stammen die nicht aus dem Geburtsbild. Sie stammen aus der Vorstellung derer, die den Baustein geschrieben haben, davon, wer solche Hefte für gewöhnlich bestellt.

Wo die Gleichheit aufhört

Ein Nachsatz zeigt, wie eng die Bedingung ist. Dieselbe Minute allein genügt nämlich nicht, es muss derselbe Ort dazukommen. Verlege eine der beiden Geburten um ein paar hundert Kilometer nach Westen: Die Planeten stehen dann praktisch unverändert, der Grad aber, der in diesem Augenblick im Osten heraufkommt, ist ein anderer, und mit ihm rücken alle zwölf Felder. Gleiche Uhrzeit, anderer Text. Erst Zeitpunkt und Ort zusammen machen zwei Bilder gleich, und genau das trifft auf die beiden Kinder in der Klinik zu.

Was die Astrologie darauf antwortet

Die Antwort ist alt und lohnt sich zu kennen. Ein Geburtsbild beschreibe kein Leben, sondern ein Muster: nicht die Verhältnisse, sondern die Art, mit Verhältnissen umzugehen. Zwei Menschen mit demselben Muster in verschiedenen Verhältnissen führen sichtbar verschiedene Leben; ähneln könnten sie einander in der Handschrift, nicht im Lebenslauf.

Diese Antwort ist ernst gemeint, und sie hat einen Preis. Je weiter eine Aussage vom Ereignis weg zum Muster rückt, desto schwerer lässt sie sich falsch nennen. Beides gehört in einem Atemzug gesagt: Die Astrologie beansprucht weniger, als viele Hefte versprechen, und sie macht es sich damit zugleich bequem.

Der Teil, den nur Du beisteuerst

Übrig bleibt die Hälfte, die nirgends berechnet wird: Deine Geschichte, Deine Verpflichtungen, die Möglichkeiten, die gerade offenstehen. Kein gerechnetes Blatt kennt sie, und keine noch so ausführliche Auswertung nimmt sie Dir ab. Ein Heft reicht deshalb genau bis zu der Stelle, an der Dein Leben anfängt, sich von dem des anderen Kindes zu unterscheiden, und dort hört es auf. Welche Arten von Auswertungen es gibt und woran sie jeweils arbeiten, steht unter Horoskope; wie aus berechneten Positionen überhaupt Sätze werden, steht unter Astrologie.