Der Venustransit
Ein Venustransit ist der Durchgang der Venus vor der Sonnenscheibe, von der Erde aus gesehen. Es ist eines der seltensten vorhersagbaren astronomischen Ereignisse überhaupt — und der Grund für seine Seltenheit ist derselbe, der ihn astrologisch interessant macht.
Warum er so selten ist
Venus steht etwa alle 584 Tage zwischen Erde und Sonne. Meistens zieht sie dabei ober- oder unterhalb der Sonnenscheibe vorbei, weil ihre Bahn um gut drei Grad gegen die Erdbahn geneigt ist.
Ein Transit setzt voraus, dass die untere Konjunktion genau dann eintritt, wenn Venus einen der beiden Knoten ihrer Bahn durchläuft. Das ergibt einen eigentümlichen Rhythmus: zwei Transite im Abstand von acht Jahren, dann eine Pause von 121,5 Jahren, wieder ein Paar im Abstand von acht Jahren, dann 105,5 Jahre Pause. Der volle Zyklus dauert 243 Jahre.
Die jüngsten Paare fielen auf 1874/1882 und 2004/2012. Der nächste Transit findet 2117 statt — kein heute lebender Mensch wird ihn sehen.
Warum er historisch bedeutsam war
Aus einem Grund, der mit Astrologie nichts zu tun hat und trotzdem hierher gehört: Die Transite des 18. Jahrhunderts dienten der ersten brauchbaren Messung der Entfernung zwischen Erde und Sonne. Beobachter reisten dafür um die halbe Welt — eine der ersten internationalen Forschungsunternehmungen überhaupt.
Der Maßstab des Sonnensystems ist also an einem Venustransit bestimmt worden.
Und astrologisch?
Hier ist Zurückhaltung angebracht, und zwar aus einem technischen Grund.
Die klassische Astrologie kennt keine gesonderte Deutung für einen Transit. Was sie kennt, ist die untere Konjunktion von Venus und Sonne — und die findet alle achtzehn Monate statt, ob Venus nun vor der Scheibe vorbeizieht oder daneben. Astrologisch ist ein Transit eine untere Konjunktion mit besonders geringer Breite; in Längengraden gerechnet, und danach rechnet die Astrologie, unterscheidet er sich von den anderen nicht.
Die Deutung als „Jahrhundertereignis“ stützt sich also auf ein Kriterium — die Breite —, das in der übrigen astrologischen Praxis keine Rolle spielt. Wer den Transit besonders deuten will, sollte sagen, warum die Breite hier zählt und sonst nicht.
Was sich vertreten lässt
Die untere Konjunktion selbst hat in der Tradition eine klare Bedeutung: Venus ist verbrannt, also in ihrer Wirkung überwältigt, und sie wechselt zugleich von der Abend- zur Morgensichtbarkeit. Ein Wechsel der Sichtbarkeitsphase ist ein anerkanntes Kriterium — deutlich älter und besser begründet als alles, was über den Transit als solchen gesagt wird.
Verwandt: die Planeten und ihr Zustand, rückläufige Planeten — Venus ist während eines Transits rückläufig.