Das dritte Auge
Das „dritte Auge“ ist ein Bild, das in mehreren Überlieferungen vorkommt und in populären Darstellungen regelmäßig mit einem Organ des Gehirns gleichgesetzt wird. Beides lässt sich auseinandernehmen.
Woher das Bild stammt
In der indischen Überlieferung bezeichnet Ajna ein Zentrum zwischen den Augenbrauen — eines von mehreren in einem System, das den Körper als Folge von Ebenen beschreibt. Es geht dabei um innere Wahrnehmung, nicht um ein verborgenes Sinnesorgan.
Andere Überlieferungen kennen ähnliche Bilder. Die Gleichsetzung dieser verschiedenen Vorstellungen zu einem einzigen „dritten Auge“ ist eine Leistung der westlichen Esoterik des neunzehnten Jahrhunderts, nicht der Quellen.
Die Zirbeldrüse
Die Zirbeldrüse ist ein kleines Organ in der Mitte des Gehirns. Was sie tut, ist gut untersucht: Sie bildet Melatonin und steuert damit den Tag-Nacht-Rhythmus. Ihre Tätigkeit hängt am Lichteinfall, vermittelt über die Sehbahn — daher die Verbindung zum Licht, die in vielen Darstellungen auftaucht.
Bei manchen Wirbeltieren gibt es ein Scheitelauge, ein tatsächlich lichtempfindliches Organ am Schädeldach. Bei einigen Echsen ist es unter der Haut sichtbar. Das ist der reale Sachverhalt, aus dem die Formulierung vom „dritten Auge“ als Organ hervorgegangen ist — beim Menschen existiert es nicht.
Wie die Gleichsetzung entstand
Im späten neunzehnten Jahrhundert verband die theosophische Literatur das indische Ajna mit der gerade beschriebenen Zirbeldrüse und mit dem Scheitelauge der Reptilien. Die Verbindung war ein Zeitphänomen: eine junge anatomische Entdeckung, in ein älteres Bild eingesetzt.
Alles, was heute über „Verkalkung der Zirbeldrüse“ und ihre „Aktivierung“ kursiert, geht darauf zurück. Verkalkungen der Zirbeldrüse sind ein realer, mit dem Alter zunehmender Befund — ihre Deutung als verlorene Wahrnehmungsfähigkeit ist es nicht.
Was das mit Astrologie zu tun hat
Nichts, und das ist der Punkt.
Astrologie rechnet mit Positionen am Himmel. Sie ist mit Vorstellungen über innere Wahrnehmung weder verbunden noch auf sie angewiesen. Die beiden Gebiete werden regelmäßig zusammen angeboten, und diese Nachbarschaft schadet vor allem dem Gebiet, das eine nachprüfbare Grundlage hat.
Wer Astrologie lernen will, braucht kein erweitertes Wahrnehmungsvermögen. Er braucht die Rechenwege, die Bedeutungen und die Geduld, viele Horoskope anzusehen.
Verwandt: Okkultismus — Begriff, Geschichte und Abgrenzung.