Horoskopanalysen

Das indische Horoskop und was es anders macht

Die indische Astrologie, Jyotisha, wörtlich die Lehre vom Licht, arbeitet mit demselben Himmel wie die westliche und kommt trotzdem zu anderen Aussagen. Das liegt nicht an der Deutung, sondern an einigen Festlegungen, die getroffen werden, bevor überhaupt gedeutet wird. Wer sie kennt, versteht auf Anhieb, warum ein indisches Bild so fremd aussieht.

Ein anderer Nullpunkt

Die westliche Astrologie zählt den Tierkreis vom Frühlingspunkt aus, also vom Sonnenstand zum Frühlingsbeginn. Das nennt man tropisch. Die indische zählt von den Fixsternen aus, das heißt siderisch. Beide Nullpunkte fielen vor eineinhalb bis zwei Jahrtausenden einmal zusammen und haben sich seither voneinander entfernt, weil die Erdachse langsam kreiselt. Dieser Vorgang heißt Präzession; er vergrößert den Abstand um etwa ein Grad in zweiundsiebzig Jahren, und heute beträgt er rund vierundzwanzig Grad.

Praktisch bedeutet das: Dein indisches Sonnenzeichen liegt in den meisten Fällen ein Zeichen vor dem, das Du von Dir kennst. Wer Anfang April geboren ist und sich seit jeher für einen Widder hält, findet sich im indischen Bild bei den Fischen wieder. Das ist kein Rechenfehler auf einer der beiden Seiten, sondern eine andere Verabredung darüber, wo der Kreis anfängt.

Neun Grahas statt zehn Planeten

Gedeutet werden Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn, dazu Rahu und Ketu, die beiden Mondknoten. Das sind die Punkte, an denen die Mondbahn die Sonnenbahn kreuzt, also die Orte, an denen Finsternisse stattfinden. Sie sind keine Himmelskörper und werden trotzdem wie vollwertige Mitspieler behandelt. Uranus, Neptun und Pluto kommen in der klassischen Praxis nicht vor, weil das System lange vor ihrer Entdeckung fertig war. Zu den einzelnen Himmelskörpern und ihren Bedeutungen findest Du mehr unter Planeten.

Der Mond gibt den Ton an

Wird in Indien jemand nach seinem Zeichen gefragt, nennt er oft nicht das Sonnenzeichen, sondern das Mondzeichen. Noch feiner ist die Einteilung in siebenundzwanzig Nakshatras, Mondhäuser von je dreizehn Grad und zwanzig Minuten. Jedes trägt einen Namen, einen herrschenden Graha und ein eigenes Sinnbild. Das Nakshatra, in dem der Mond bei der Geburt stand, ist der Einstieg in die gesamte Deutung, und es ist zugleich der Startpunkt der Zeitrechnung. Das erklärt, warum eine indische Deutung so oft beim Gefühlsleben beginnt und nicht beim Willen.

Dashas: wann etwas an der Reihe ist

Hier liegt der größte Unterschied zur westlichen Praxis. Den Lauf des aktuellen Himmels beobachtet die indische Astrologie zwar ebenfalls, aber daneben steht ein zweites Zeitmaß, das ohne ihn auskommt. Die verbreitetste Methode heißt Vimshottari und teilt das Leben in Perioden fester Länge, eine für jeden Graha: Ketu sieben Jahre, Venus zwanzig, Sonne sechs, Mond zehn, Mars sieben, Rahu achtzehn, Jupiter sechzehn, Saturn neunzehn, Merkur siebzehn. Zusammen sind das hundertzwanzig Jahre.

An welcher Stelle dieser Kette Dein Leben einsetzt, bestimmt das Geburts-Nakshatra. Jede Periode wird noch einmal in Unterperioden derselben Reihenfolge geteilt, und diese wieder. So entsteht ein Zeitraster, das von der Geburt an feststeht. Eine lange Saturn-Periode ist dabei keine Drohung, sondern eine Ansage über das Thema dieser Jahre, nicht über ihren Ausgang.

Die Zeichnung sieht anders aus

Statt eines Kreises findest Du ein Quadrat, das in zwölf Felder geteilt ist. Im nordindischen Stil liegen die Häuser fest und die Zeichen wandern von Bild zu Bild; im südindischen liegen die Zeichen fest und das aufsteigende Zeichen wird markiert. Es ist dasselbe Geburtsbild, nur anders gezeichnet.

Nicht zu verwechseln

Zwei Wörter, die im Deutschen fast gleich klingen, meinen völlig Verschiedenes. Das indische Horoskop ist das, wovon diese Seite handelt: eine schriftlich überlieferte Rechenpraxis mit eigenen Tabellen, eigener Zeitrechnung und jahrhundertealter Kommentarliteratur. Das indianische Horoskop dagegen ordnet Geburtszeiträumen Tiere wie Falke, Biber oder Wolf zu und stammt weder aus Indien noch aus einer indigenen Überlieferung Nordamerikas. Wer nach dem einen sucht und beim anderen landet, hat sich an einem einzigen Buchstaben verlaufen.

Wenn Du sehen willst, wie die westliche Rechnung dagegen aufgebaut ist, fang bei der Astrologie an oder gleich beim Aszendenten, der in beiden Systemen dieselbe Schlüsselstellung hat.