Psychologische Astrologie: die Frage nach innen
Es gibt eine Richtung der Astrologie, die gar nicht wissen will, was passieren wird. Sie fragt stattdessen, was in einem Menschen miteinander streitet. Man nennt sie psychologische Astrologie, und zu den Namen, die mit ihr verbunden werden, gehört die Astrologin Liz Greene.
Woher die Richtung kommt
Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich ein Teil der astrologischen Literatur der Tiefenpsychologie zugewandt. Das war keine Laune, sondern eine Reaktion auf eine veränderte Nachfrage: Wer eine Beratung suchte, wollte immer seltener wissen, wann ein Vertrag zustande kommt, und immer häufiger, warum er sich in jeder zweiten Beziehung gleich verhält. Die Astrologie hatte ein ausgebautes Bildsystem und wenig Sprache für Innenleben; die Psychologie hatte diese Sprache. Die Verbindung lag nahe – und sie hat die Beratungspraxis wohl stärker verändert als jede technische Neuerung derselben Jahrzehnte.
Was sich an der Deutung ändert
Nimm eine Spannung zwischen Mond und Uranus. Älter gelesen, deutet sie auf Unruhe im häuslichen Bereich, auf Wechsel, auf unstete Umstände. Psychologisch gelesen, beschreibt derselbe Winkel zwei Bedürfnisse, die einander im Weg stehen: das nach Geborgenheit und das nach Ungebundenheit.
Der Unterschied ist nicht bloß eine Frage der Wortwahl. Aus einer Aussage über Umstände wird eine Aussage über ein Muster – jemand, der geht, sobald es nah wird, und dann Heimweh bekommt. Das ist in gewisser Hinsicht handfester, weil derjenige es an seinem eigenen Leben abgleichen kann. Und es ist unverbindlicher, weil es kein Datum nennt.
Der Gedanke der Projektion
Ein Punkt aus dieser Richtung ist besonders folgenreich. Was jemand an sich selbst nicht gelten lässt, begegnet ihm von außen: Wer die eigene Härte nicht anerkennt, gerät auffallend oft an harte Menschen. Ein Horoskop zeigt nach dieser Lesart, welches Thema vorhanden ist – nicht, auf welcher Seite davon jemand steht.
Praktisch heißt das: Dieselbe Konstellation passt auf einen Menschen, der sie lebt, und auf einen, der sie beständig bei anderen findet und sich darüber beklagt. Wer das nicht mitdenkt, deutet an der Hälfte der Fälle vorbei. Für Dich als Leser ist es die nützlichste Frage an jede Deutung: Trifft das auf mich zu – oder auf die Leute, über die ich mich ständig ärgere?
Was diese Richtung kostet
Ehrlicherweise einiges, und der Preis hängt ausgerechnet an dem Werkzeug, das sie stark macht. Der Gedanke der Projektion lässt sich nämlich gegen jeden Einwand wenden: Wer eine Deutung zurückweist, bekommt zu hören, dass gerade das Zurückweisen zum Bild gehöre. Ein Satz, den Widerspruch bestätigt, ist kein Befund mehr, sondern eine geschlossene Tür. Wer sauber arbeitet, lässt ein Nein als Nein gelten.
Der zweite Preis ist die geborgte Sprache. Begriffe aus der Psychologie bringen einen Ernst mit, den sie sich in ihrem eigenen Fach erarbeitet haben; in eine Deutung übernommen, wirkt dieser Ernst weiter, ohne dass dafür etwas getan worden wäre. Wenn „Ablösung vom Mutterbild“ nur ein feineres Wort für „Streit mit der Mutter“ ist, hat der Begriff nichts geleistet außer Eindruck.
Und wo sie aufhört
Psychologische Astrologie ist keine Psychotherapie, und wer sie ausübt, ist deswegen kein Therapeut. Der Unterschied ist nicht formaler Natur: Hinter einer Therapie stehen eine geregelte Ausbildung, eine Aufsicht und ein erprobtes Verfahren, hinter einer Deutung stehen ein Bild und ein Gespräch. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, bei Angst, die den Alltag einschränkt, bei Krisen nach einem Verlust führt der erste Weg zu einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Stelle. Eine seriöse Beraterin sagt das auch, statt weiterzudeuten.
Innerhalb dieser Grenze bleibt ein brauchbares Angebot: eine Beschreibung des eigenen Materials, an der Du Dich reiben kannst. Die Bausteine, mit denen dabei gearbeitet wird, findest Du bei den Planeten und den Sternzeichen.