Horoskopanalysen

Fische: zwei Herrscher, zwei Beschreibungen

Ältere Beschreibungen der Fische reden von Güte, Großzügigkeit und Glauben. Neuere reden von Feingefühl, Kunst und einem Ich, das sich nicht recht abgrenzen mag. Wer beides nacheinander liest, hält das leicht für zwei verschiedene Zeichen. Es ist dasselbe, und der Unterschied hat einen nachvollziehbaren Grund: Diesem Zeichen sind zwei Planeten zugeordnet, und einer davon war bis ins neunzehnte Jahrhundert unbekannt.

Die Hälfte, die in Vergessenheit gerät

In der klassischen Zuordnung teilen sich die sieben mit bloßem Auge sichtbaren Himmelskörper die zwölf Zeichen: Sonne und Mond bekommen je eines, die fünf übrigen je zwei. Jupiter erhielt den Schützen und die Fische. Was er beisteuert, hat mit Zartheit wenig zu tun: Zuversicht, Freigebigkeit, ein Interesse an dem, was über den eigenen Umkreis hinausreicht, und die Neigung, lieber zu viel zu wollen als zu wenig.

Damit sieht das Zeichen anders aus als gewohnt. Im Vordergrund steht dann nicht der empfindsame Mensch, sondern einer, der abgibt: Zeit, Geld, Aufmerksamkeit, und zwar ohne sich dabei als Opfer zu fühlen. Die Kehrseite gehört zu Jupiter genauso – zu viel versprechen, zu viel einladen, das Maß verlieren und hinterher verwundert feststellen, dass nichts mehr übrig ist. Wer Fische nur als leise und verletzlich schildert, hat diesen weitläufigen Zug übersehen.

In dieselbe Richtung weist eine alte Regel, die heute selten erwähnt wird: Die Tradition setzt die Erhöhung der Venus in dieses Zeichen und hält Merkur darin für schwach. Zuneigung hat es in den Fischen leicht, das trennende, sortierende Denken schwer. Das ist kein Urteil über Intelligenz, sondern eine Gewichtung – und sie erklärt, warum die alten Texte zu diesem Zeichen mehr über das Herz sagen als über die Methode.

Der zweite Name auf der Liste

1846 wurde Neptun gefunden, und die Astrologie ordnete ihn den Fischen zu, ohne Jupiter dafür zu streichen. Seither führen die Tabellen für dieses eine Zeichen zwei Herrscher nebeneinander. Genau daher rührt der Bruch zwischen alten und neuen Texten.

Die jüngere Lesart betont, was sich nicht festhalten lässt: eine Wahrnehmung, die zwischen innen und außen keine saubere Trennlinie zieht, Empfänglichkeit für Stimmungen, ein Gespür für Bilder, Töne und Geschichten. Und im selben Atemzug die Schattenseiten – sich etwas vormachen, sich etwas vormachen lassen, ausweichen statt widersprechen, den Feierabend mit irgendetwas zudecken. Fast alle heutigen Fische-Texte sind in dieser Handschrift geschrieben, und den wenigsten Lesern ist bewusst, dass sie damit die jüngere von zwei Überlieferungen in der Hand halten.

Welche Lesart ist die richtige?

Beide, denn sie beantworten verschiedene Fragen. Der Jupiter-Anteil sagt, wonach sich jemand ausstreckt: nach Sinn, nach einem großen Rahmen, nach der Möglichkeit, etwas herzugeben. Der Neptun-Anteil sagt, wo jemand die Kontur verliert. An derselben Person erlebst Du beides an verschiedenen Tagen, und es hängt zusammen: Wer zwischen sich und den anderen keine harte Grenze zieht, ist leichter großzügig und leichter erschöpft.

Woran Du erkennst, welcher Text vor Dir liegt

Das ist die praktische Ausbeute der Unterscheidung. Achte beim nächsten Fische-Text darauf, welche Wörter ihn tragen. Fallen Wörter wie Güte, Vertrauen, Weite, Großmut, steht er in der älteren Linie. Fallen Sensibilität, Traum, Rückzug, Erschöpfung, steht er in der jüngeren. Viele Texte mischen beides, ohne den Wechsel zu bemerken, und widersprechen sich dann von Absatz zu Absatz.

Für Dich selbst wird daraus eine einzige Frage, und sie taugt für beide Linien: Gibst Du zu viel her, oder nimmst Du zu viel auf? Das sind zwei verschiedene Erschöpfungen. Die eine verlangt, seltener ja zu sagen; die andere verlangt Pausen, in denen niemand etwas von Dir will. Die üblichen Zeichenbeschreibungen werfen beides durcheinander, weil sie die zwei Überlieferungen nicht trennen.

Jupiter und Neptun stehen nicht allein; die übrigen Himmelskörper sind bei den Planeten versammelt. Welche Auswertungen sich aus einem vollständigen Geburtsbild gewinnen lassen, zeigt die Übersicht der Horoskope.