Eine Horoskopanalyse über einen anderen Menschen
Über solchen Auswertungen steht „Deine“, und meistens trifft das zu: gerechnet für eine Person, gelesen von derselben. Ein guter Teil dieser Texte landet trotzdem woanders. Er wird verschenkt, für ein Kind in Auftrag gegeben oder über jemanden gelesen, mit dem man gerade nicht weiterkommt. Das ist eine andere Lage als die erste, und sie bringt eigene Fragen mit.
Heimlich geht es ohnehin nicht
Für den Aszendenten und die zwölf Felder braucht es die Stunde der Geburt und den Ort; ohne sie bleibt von einer Auswertung kaum mehr als ein Zeichenprofil. Den Tag weiß man oft, die Stunde fast nie. Sie steht in keinem Ausweis, und wer nach ihr fragt, muss sagen, wofür. Damit erledigt sich die stille Variante von selbst. Ein Verlust ist das nicht: Mit dieser einen Frage hast Du bereits gesagt, was Du vorhast, und der andere kann nein sagen.
Sätze über jemanden, der sie nie gelesen hat
Angenommen, der Text liegt vor Dir. Dann hältst Du Aussagen über einen Menschen in der Hand, der nicht weiß, dass es sie gibt. Das wirkt, selbst wenn nichts Unfreundliches darin steht. Beim nächsten schweigsamen Abendessen hast Du einen Absatz parat, der es erklärt, und Deutungen sind dehnbar genug, dass sich die Bestätigung findet, nach der Du suchst. Gewonnen hast Du dann keine Kenntnis über ihn, sondern eine Brille.
Daraus folgt die einfachste Regel: Erzähl ihm davon. Nicht als Geständnis, sondern weil sich über einen Text, den beide kennen, reden lässt und weil er dann widersprechen kann. Der Widerspruch ist übrigens das Nützlichste am ganzen Vorgang.
Wenn es um ein Kind geht
Ein Kinderhoroskop lesen die Eltern, und zwar über Jahre. Das Kind kann nichts dazu sagen. Zwei Leitplanken helfen. Erstens: Lies den Text auf Bedingungen hin, nicht auf Ergebnisse. Ein Absatz darüber, wie viel Trubel dieses Kind verträgt und wie lange es zum Umschalten braucht, lässt sich am Alltag prüfen; ein Absatz darüber, welcher Beruf später zu ihm passt, ist geraten. Zweitens: Sag dem Kind nicht, was es „ist“. Sätze über den Charakter eines Kindes haben die unangenehme Eigenschaft, wahr zu werden, sobald eine Familie sie oft genug wiederholt.
Dazu eine Grenze, über die sich nicht verhandeln lässt. Alles, was nach Diagnose klingt, also Schlaf, Essen, Entwicklung, Gesundheit, gehört in eine Kinderarztpraxis und nicht in ein Deutungsheft.
Verschenken
Als Geschenk passt so eine Auswertung zu Menschen, die sich für die Sache ohnehin interessieren. Für alle anderen ist sie ein Text über sie selbst, um den sie nicht gebeten haben. Und wenn Du sie verschenkst: ungelesen übergeben, hinterher nicht nachfragen, was darin stand. Der Umschlag gehört dem Beschenkten, auch wenn er von Dir kommt.
Was so ein Text zwischen zwei Menschen ausrichtet
Er kann eine Reibung aus dem Vorwurf herausnehmen. „Er braucht Vorlauf“ und „Er bremst mich“ beschreiben dasselbe Verhalten; der erste Satz lässt sich besprechen, der zweite nur bestreiten. Das ist nicht wenig: Zwei Leute, die sich seit Jahren am selben Punkt reiben, streiten danach über die Sache und nicht über den Charakter.
Anderes kann er nicht. Er entscheidet keinen Streit, er weiß über den anderen nur, was sich aus Datum, Stunde und Ort rechnen lässt, und er erspart Dir keine einzige Frage, die Du auch direkt stellen könntest. „Brauchst Du länger, bis Du Dich festlegst?“ klärt sich an einem Abend, an dem kein Heft auf dem Tisch liegt. Wer nach dem Lesen ein Gespräch führt, das sonst nicht zustande gekommen wäre, hat den größeren Teil des Nutzens; wer liest und schweigt, hat sich nur bestätigt. Was die einzelnen Auswertungen beschreiben, führt die Übersicht der Horoskope auf; welches Handwerk hinter den Sätzen steckt, steht unter Astrologie.