Karma: was das Wort heißt und was ein Horoskop davon zeigt
„Das ist Karma“ sagt sich leicht, und gemeint ist fast immer dasselbe: Es kommt alles zurück. In der Astrologie gibt es eine ganze Deutungsrichtung, die auf diesem Wort aufbaut. Merkwürdig daran ist, dass der Begriff auf dem Weg nach Europa fast alles verloren hat, was er bedeutete — und dafür etwas bekam, das gar nicht dazugehört.
Eine Tat, kein Urteilsspruch
Karma ist Sanskrit und heißt schlicht: Tat, Handlung, Werk. In den Überlieferungen, aus denen es stammt — Hinduismus, Buddhismus, Jainismus —, bezeichnet es eine Lehre vom Handeln und seinen Folgen, kein Strafmaß. Niemand verhängt etwas; beschrieben wird ein Vorgang, der von selbst abläuft.
Wie dieser Vorgang funktioniert, darin sind sich die Schulen nicht einig. Der Jainismus versteht Karma als feinen Stoff, der sich an die Seele heftet und abgetragen werden muss; buddhistische Schulen legen das Gewicht auf die Absicht hinter der Tat. Es gibt nicht die eine Karmalehre, sondern eine Familie von Lehren, die seit zweieinhalb Jahrtausenden miteinander streiten.
Warum „Schicksal“ die falsche Übersetzung ist
Die europäische Vorstellung vom Schicksal hat ein eigenes Bild: Bei den Griechen spinnen drei Frauen einen Faden, messen ihn ab und schneiden ihn durch. Was gesponnen ist, liegt fest. Wer Karma so übersetzt, dreht die Lehre in ihr Gegenteil.
Denn wenn alles an der Tat hängt, ändert eine neue Tat, was weiter folgt. Der Gedanke ist nicht auf Unabänderlichkeit gebaut, sondern auf ihr Gegenteil: Es kommt darauf an, was Du jetzt tust, sonst wäre die Lehre überflüssig. Aus einer Aufforderung zum Handeln ist im westlichen Gebrauch eine Erklärung fürs Hinnehmen geworden.
Was das Alltagsdeutsch daraus gemacht hat
Bei der Übernahme sind zwei Dinge passiert, und zwar gegenläufig. Der schwierige Teil — die Wiedergeburt, die den Zusammenhang erst trägt — wird meist weggelassen; kaum jemand, der „Karma“ sagt, denkt an frühere Leben. Behalten wurde ausgerechnet das Buchhalterische: die Vorstellung einer Abrechnung, die irgendwo geführt wird.
Wichtiger ist eine zweite Verschiebung. In den Überlieferungen richtet sich die Lehre an den Handelnden selbst, als Anweisung für die eigene Lebensführung. Heute sagt man das Wort fast nur über andere, und am liebsten dann, wenn es jemanden erwischt hat, den man ohnehin nicht mochte. Aus einer Zumutung an sich selbst ist ein bequemer Kommentar über fremdes Unglück geworden — und damit hat der Begriff aufgehört, irgendetwas zu erklären.
Warum im Geburtsbild nichts über die Zeit davor steht
Jetzt zur nüchternen Seite. Ein Horoskop ist eine Rechnung, und jede Rechnung hat Eingaben. Hier sind es drei: der Tag, die Uhrzeit und der Ort einer Geburt. Heraus kommen die Positionen der Himmelskörper für diesen Augenblick an dieser Stelle der Erde, dazu die Häuser. Mehr geht nicht hinein, und deshalb kann auch nicht mehr herauskommen.
Keine der drei Angaben bringt etwas mit, das älter wäre als dieser Augenblick. Was ein karmisch überschriebener Text über ein Davor sagt, stammt also nicht aus der Rechnung, sondern von dem Menschen, der sie deutet. Solange das dabeisteht, ist nichts verloren; wird es als Ergebnis ausgegeben, stimmt die Zuschreibung nicht.
Drei Wörter, die zusammengehören
Karma steht in seinen Herkunftssprachen nie allein. Zwei Begriffe gehören dazu, ohne die der erste kaum Sinn ergibt.
- Samsara, wörtlich das Umherwandern: der Kreislauf aus Geburt, Tod und erneuter Geburt, in dem die Folgen einer Tat über ein Leben hinausreichen.
- Dharma: je nach Überlieferung die Ordnung, die Pflicht oder die Lehre — das, woran sich Handeln ausrichtet.
- Moksha, im Buddhismus Nirvana: das Heraustreten aus diesem Kreislauf.
Hier zeigt sich die größte Verschiebung. Das Ziel ist in den Überlieferungen nicht, gutes Karma anzusammeln, sondern aus dem Kreislauf herauszukommen — gutes hält darin genauso fest wie schlechtes, nur angenehmer. Wer „Karma-Punkte“ sammelt, verfolgt also das Gegenteil dessen, wovon diese Lehren handeln.
Für die Lektüre heißt das: Wenn das Wort Karma auftaucht, sieh nach, wovon der Text spricht — von Deinem Handeln oder von einer Rechnung, die jemand anderes aufgemacht hat. Was ein Geburtsbild tatsächlich hergibt, steht unter Astrologie und bei den Horoskopen.