Wann begann der Hype um Astrologie wieder?
Seit wann ist Astrologie eigentlich wieder überall? Die Antwort ist konkreter, als man denkt. Die Beliebtheit der Astrologie wächst nicht gleichmäßig, sie kommt in Schüben — und jeder Schub hing an einem neuen Medium, das plötzlich sehr viele Menschen auf einmal erreichte.
Der Sommer 1930 und eine Zeitungsspalte
Am 21. August 1930 wurde in Schottland Prinzessin Margaret geboren, die jüngere Schwester der späteren Königin Elisabeth II. Die Londoner Sonntagszeitung Sunday Express hatte dazu eine Idee: Der Astrologe R. H. Naylor sollte aufschreiben, was im Geburtsbild des Kindes steht. Der Text kam an, und die Redaktion bat um mehr davon.
Zur Dauereinrichtung wurde die Spalte durch ein Unglück. Naylor hatte in einem Folgetext vor einer Gefahr für die britische Luftfahrt gewarnt; wenige Wochen später, Anfang Oktober 1930, stürzte das Luftschiff R101 auf dem Weg nach Indien in Nordfrankreich ab. So jedenfalls wird die Geschichte erzählt.
Das eigentlich Neue kam erst danach. Aus der einmaligen Deutung wurde eine wiederkehrende Rubrik, und eine Rubrik braucht ein Raster, das jede Woche von selbst funktioniert: zwölf Absätze, zwölf Datumsspannen, fertig. Astrologische Jahrbücher gab es lange vorher. Eine Spalte, in der man sich in Sekunden selbst findet und die am nächsten Sonntag wieder dasteht, gab es vorher nicht.
Die zweite Welle: das Ende der sechziger Jahre
Vierzig Jahre später kam der nächste Schub, diesmal aus Taschenbüchern, Plattenhüllen und Musicals. Astrologie war Teil einer größeren Suchbewegung, die sich auch für östliche Philosophie und Meditation interessierte. Das Wort vom Wassermannzeitalter wanderte aus Fachkreisen in einen Liedtext und von dort in die Alltagssprache.
Gleichzeitig wurden Bücher über die zwölf Sonnenzeichen zu Verkaufsschlagern. Sie konnten etwas, was die Zeitungsspalte nicht konnte: Sie gaben jedem Zeichen ein ganzes Kapitel statt drei Zeilen.
Als das Rechnen billig wurde
Der dritte Schub ist der unauffälligste und vielleicht der folgenreichste. Bis in die achtziger Jahre hinein war ein Geburtsbild Handarbeit: nachschlagen, auf die Geburtszeit umrechnen, die Häuser aus einer Tabelle holen, das Ganze von Hand zeichnen. Ein bis zwei Stunden waren normal, Rechenfehler auch.
Software erledigte dasselbe in Sekunden, und damit verschob sich, worüber gesprochen wurde. Solange das Rechnen aufwendig war, blieben die meisten beim Sonnenzeichen, weil es nichts kostete. Als die Rechnung geschenkt war, rückte das Geburtsbild mit Uhrzeit und Ort in die Mitte — und mit ihm Begriffe wie Aszendent, Häuser und Transite, die vorher kaum jemand außerhalb der Fachliteratur benutzt hatte.
Die Welle, in der wir gerade stecken
Seit Mitte der 2010er Jahre läuft der vierte Schub, und er hängt an Apps und sozialen Netzwerken. Neu ist dabei nicht der Inhalt: Die Deutungen stammen überwiegend aus derselben Literatur wie 1970. Neu ist, dass ein vollständiges Geburtsbild in zehn Sekunden auf dem Telefon steht und sich mit zwei Handgriffen weitergeben lässt.
Daraus ist eine eigene Umgangsform geworden. Man schickt sich Bildschirmfotos seines Horoskops, man witzelt über rückläufigen Merkur, man vergleicht Stellungen so beiläufig wie früher Plattensammlungen. Das erklärt den Ton dieser Welle — mehr Selbstironie als Ehrfurcht, mehr Gespräch als Orakel.
Was die Wellen zeigen
Auffällig ist, dass keine dieser vier Wellen von einer neuen astrologischen Erkenntnis ausgelöst wurde. Ausgelöst hat sie jedes Mal ein Medium: die Massenzeitung, das Taschenbuch, der Rechner, das Telefon. Die Konjunkturen sagen also zunächst etwas über Verbreitung aus und nichts über Gehalt.
Für Dich heißt das vor allem eines: Der Schritt, der tatsächlich etwas bringt, ist über alle vier Wellen derselbe geblieben — der von den zwölf Gruppen zu Deinem eigenen Bild, mit Datum, Uhrzeit und Geburtsort. Was dabei herauskommt, steht unter Horoskope, wie es zustande kommt unter Astrologie.