Horoskopanalysen

Warum es Buch des Lebens heißt

Eine Sammlung persönlicher Horoskope wird gern Buch des Lebens genannt, und dieser Titel arbeitet, bevor Du die erste Seite gelesen hast. Ein Buch hat einen Verfasser. Ein Buch ist fertig. Ein Buch kann man aufschlagen und nachlesen, wie es um eine Sache steht. Bevor Du eine solche Analyse in die Hand nimmst, lohnt deshalb eine Frage, die kaum je gestellt wird: Was für ein Buch ist damit überhaupt gemeint?

Der Ausdruck kommt nicht aus der Astrologie

Er ist biblisch, und er ist alt. Im zweiten Buch Mose bittet Mose, aus dem Buch gestrichen zu werden, das Gott geschrieben hat. In der Offenbarung des Johannes werden am Ende Bücher aufgeschlagen, und in einem davon, dem Buch des Lebens, stehen Namen: Wer darin steht, gehört dazu, wer fehlt, nicht.

Das ist kein Ratgeber, das ist ein Register. Es wird von fremder Hand geführt, es entsteht ohne Dein Zutun, und aufgeschlagen wird es ein einziges Mal, am Schluss. Wer diesen Titel auf eine Horoskopmappe setzt, verspricht damit etwas sehr Bestimmtes: dass irgendwo festgehalten ist, wie es mit Dir steht.

Ein Register hat einen Verfasser, ein Geburtsbild nicht

Genau hier geht das Bild nicht auf. Ein Geburtsbild ist eine Rechnung. Wo die Planeten über einem Ort standen, ergibt sich aus Tabellen, und dieselben Angaben ergeben bei jedem dieselbe Zeichnung. Niemand hat dabei etwas über Dich beschlossen, niemand hat etwas eingetragen, und es gibt keine Stelle, die mitgeschrieben hätte.

Das klingt ernüchternd und ist eine gute Nachricht. Was niemand über Dich verfügt hat, kann Dir auch niemand entgegenhalten. Ein Register nimmt man entgegen. Eine Rechnung sieht man sich an.

Ein ganzes Leben, gerechnet aus einer Minute

Der zweite Unterschied betrifft den Umfang. Ein Buch über ein Leben enthielte dieses Leben. Ein Geburtsbild enthält einen einzigen Augenblick: die Stellungen am Himmel über einem Ort, in der Minute der Geburt. Mehr ist nicht darin.

Alles, was eine Analyse über spätere Jahre sagt, wird aus diesem einen Moment abgeleitet, nach überlieferten Regeln – abgeleitet, nicht abgelesen. Und weil der Moment so schmal ist, hängt so viel an der Uhrzeit: Der Aszendent und mit ihm das gesamte Häusergerüst gehören zu dieser Minute und zu keiner anderen. Hundert Seiten, gerechnet aus sechzig Sekunden – so gesagt klingt es nach Anmaßung. Als Beschreibung eines Ausgangspunktes klingt dieselbe Sache nüchtern und brauchbar.

Das andere alte Buch

Es gibt ein zweites Buchbild, das ähnlich alt ist und viel besser passt: das Buch der Natur. Gelehrte im mittelalterlichen Europa und lange danach meinten damit die Welt selbst, verstanden als etwas, das gelesen werden will. Dieses Buch liegt offen, für jeden, der die Schrift zu entziffern lernt, und es ist nie zu Ende gelesen.

Zwischen den beiden Bildern liegt der ganze Unterschied. Im ersten steht etwas über Dich, und Du kommst darin vor. Im zweiten steht nichts über Dich; Du bist derjenige, der liest – und Du kannst Dich verlesen, noch einmal hinsehen, die Stelle jemand anderem zeigen.

Welches der beiden Bücher Du aufschlägst, entscheidest Du

Die Probe dafür braucht keine Vorkenntnisse. Versuch beim Lesen, einem Satz zu widersprechen. Nicht trotzig, sondern ernsthaft: mit einer Erinnerung, einer Szene, einem Einwand, den Du auch vor anderen vertreten würdest.

Fällt Dir das leicht, liest Du die Mappe als das, was sie ist – eine Beschreibung, die zutreffen kann oder eben nicht. Merkst Du dagegen, dass Du gar nicht auf den Gedanken kommst zu widersprechen, hast Du ein Register in der Hand, und das liegt selten am Text und oft am Titel darüber. Einem Register widerspricht man nicht. Man wird darin geführt.

Was der Name trotzdem taugt

Nichts gegen ihn. Er ist schön, er ist alt, und er trifft die Hoffnung, mit der die meisten so eine Mappe aufschlagen. Nur erfüllt diese Hoffnung kein Text, in keiner Sprache und aus keiner Tradition. Was vor Dir liegt, ist kein Eintrag über Dich, sondern ein Angebot, Dein Leben einmal in einer anderen Sprache zu erzählen. Ob Dir diese Sprache etwas gibt, merkst Du beim Lesen, und dafür musst Du nichts bestellen: Unter kostenlose Horoskope liegt genug Text, um es herauszufinden.