Horoskopanalysen

Die Waage: ein Zeichen, das ein Gegenüber braucht

Die Waage ist das siebte der zwölf Zeichen; die Sonne steht etwa zwischen dem 23. September und dem 23. Oktober darin. Sie lässt sich schlecht beschreiben, solange man nur einen Menschen vor sich hat. Alles, was dieses Zeichen ausmacht, wird erst sichtbar, sobald noch jemand im Raum ist.

Was im Westen untergeht

In einem Geburtsbild markiert der Aszendent die Stelle, an der im Augenblick der Geburt am Osthorizont etwas heraufkam. Genau gegenüber, im Westen, ging in derselben Minute etwas unter, und dort beginnt das siebte der zwölf Häuser. Es ist der einzige Teil der eigenen Zeichnung, den Du nicht anschauen kannst, ohne Dich umzudrehen. Zuständig ist es für alles, wozu ein zweiter Mensch gehört.

Als siebtes Zeichen erbt die Waage diese Zuständigkeit, und das erklärt, warum Beschreibungen von ihr oft merkwürdig unbestimmt klingen. Sie handeln nicht von einer Eigenschaft, die jemand mit sich herumträgt wie eine Haarfarbe, sondern von einer Lage, in der zwei Leute vorkommen. Wer die Waage in einem Lebenslauf sucht, findet sie in den Sätzen, in denen ein zweiter Name auftaucht.

Die zweite Seite der Venus

Der Venus werden klassisch zwei Zeichen zugeordnet, der Stier und die Waage, und die beiden Hälften ihres Gebiets gehen weit auseinander. Im Stier geht es um das, was ein Mensch für sich haben kann: ein gutes Essen, ein Stoff, der sich angenehm anfühlt, ein Beet, das etwas hergibt. Dafür wird niemand sonst gebraucht.

Die Waage-Seite ist die andere. Eine Zuneigung, die erwidert wird; eine Abrede, an die sich beide halten; ein Einvernehmen, das keiner allein herstellen kann. So etwas lässt sich nicht besitzen, nur unterhalten, und es hört in dem Moment auf zu bestehen, in dem eine Seite aussteigt. Wer viel Waage im Bild hat, arbeitet den ganzen Tag an Dingen dieser Bauart, meist ohne es Arbeit zu nennen. Wofür die übrigen Himmelskörper stehen, steht unter Planeten.

Wie hier eine Meinung entsteht

Ein Waage-Mensch weiß häufig erst dann, was er denkt, wenn jemand anderes etwas gesagt hat. Das wird gern für Unsicherheit gehalten, ist aber eher ein Arbeitsweg: Der eigene Standpunkt bekommt an einem fremden seine Umrisse, so wie eine Zeichnung erst durch den Hintergrund einen Rand bekommt. Solange keiner widerspricht, ist alles gleich gültig, und genau das fühlt sich unangenehm an.

Daraus folgen zwei praktische Dinge. Willst Du etwas von einem Waage-Menschen, dann stell keine offene Frage. „Wo möchtest Du essen?“ ist die schwerste Frage, die Du stellen kannst; „Griechisch oder thailändisch?“ ist in zwei Sekunden beantwortet. Und erkennst Du Dich selbst darin wieder, dann sag in einer Runde früh, was Du meinst. Nach dem dritten Beitrag hast Du drei fremde Positionen im Kopf, zu denen Du Dich verhältst, und die eigene ist zwischen ihnen verschwunden.

Und wenn niemand da ist?

Interessant wird es, wenn dieses Zeichen allein bleibt. Es sucht sich sein Gegenüber trotzdem, nur ein ausgedachtes. Du führst das Gespräch im Kopf, formulierst die Antwort auf einen Vorwurf, den noch niemand erhoben hat, und schreibst die Nachricht dreimal um, weil Du schon zu wissen glaubst, wie sie ankommt.

Nutzlos ist das nicht, es hat nur einen Fehler: Das ausgedachte Gegenüber antwortet nie überraschend. Es sagt, was Du ihm in den Mund legst, und das ist meistens das Schärfste, was es sagen könnte. Dagegen hilft der Umtausch gegen ein echtes — eine Frage, die Du wirklich stellst, statt sie Dir selbst zu beantworten. Zwei Minuten Nachfragen ersparen erfahrungsgemäß eine halbe Nacht.

Was von außen wie Höflichkeit aussieht, ist bei diesem Zeichen selten bloße Form. Es ist das Werkzeug, mit dem sich zwei Ansichten eine Weile nebeneinander halten lassen, ohne dass eine davon sofort weggeräumt werden muss. Wie die übrigen elf Zeichen angelegt sind, steht unter Sternzeichen.