Archetypen in der Astrologie: was der Begriff leistet
Kaum ein Begriff wird in der modernen astrologischen Literatur so oft gebraucht wie der des Archetyps. Es lohnt zu wissen, woher er kommt — denn er stammt nicht aus der Astrologie.
Herkunft
Der Begriff ist alt — bei Platon die Urform, an der das Einzelne teilhat —, seine heutige Verwendung geht aber auf C. G. Jung zurück. Bei ihm sind Archetypen Strukturen des kollektiven Unbewussten: keine festgelegten Bilder, sondern Bereitschaften, bestimmte Bilder hervorzubringen.
Jung selbst hat sich mit Astrologie befasst. Über die Wege seiner Schule gelangte der Begriff in die astrologische Literatur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und wurde dort zur gängigen Sprache: Mars als Archetyp des Kriegers, Venus als Archetyp der Liebenden, und so fort.
Was der Begriff leistet
Zweierlei, und beides ist nicht wenig.
Er stellt eine Verbindung zu einer verbreiteten Sprache her. Wer „Archetyp des Kriegers“ sagt, wird ohne astrologische Vorkenntnisse verstanden. Für ein Gespräch ist das ein Gewinn.
Und er hält das Bedeutungsfeld offen. Ein Archetyp ist kein festgelegter Inhalt, sondern ein Bereich. Das entspricht dem, wie ein Planet tatsächlich arbeitet: Mars bezeichnet das Trennende, und was daraus im Einzelfall wird — ein Chirurg, ein Streit, ein Werkzeug —, hängt vom übrigen Horoskop ab.
Was er nicht leisten kann
Hier liegt das Problem, und es ist ein handwerkliches.
Der Archetypenbegriff beschreibt Bedeutung, nicht Zustand. Er sagt, wofür Mars steht. Er sagt nichts darüber, ob dieser Mars in diesem Horoskop überhaupt handeln kann.
Genau darauf kommt es in der Deutung aber an. Ein Mars in Würde, an der Achse, in seiner Sekte ist etwas völlig anderes als ein Mars im Fall, verbrannt, im zwölften Haus — und beide sind derselbe Archetyp. Wer nur in Archetypen liest, kann die beiden nicht unterscheiden und beschreibt am Ende für jeden Menschen dasselbe Mars-Bild.
Ein brauchbares Verhältnis
Der Archetypus ist gut geeignet, um einem Ratsuchenden zu erklären, wovon die Rede ist. Er ist ungeeignet als Grundlage des Urteils.
Die brauchbare Reihenfolge lautet: erst der Zustand — Würde, Haus, Sekte, Verbrennung, Aspekte —, dann die Sprache, in der man das Ergebnis mitteilt. Wer umgekehrt vorgeht, hat eine schöne Erzählung und kein Urteil.
Verwandt: die Planeten und ihr Zustand, die Reihenfolge einer Deutung.