Astrologie und christlicher Glaube: woher der Streit kommt
Darf man ein Horoskop lesen und trotzdem in die Kirche gehen? Die Frage klingt harmlos und ist es nicht. Sie beschäftigte Menschen im vierten Jahrhundert, sie steht in kirchlichen Erlassen der frühen Neuzeit, und sie taucht heute in fast jedem längeren Gespräch über Astrologie auf. Diese Seite trägt den Namen der Astrologin Liz Greene; behandelt wird hier der Streit selbst und nicht die Person.
Worum es dem Glauben dabei geht
Der theologische Widerspruch hat mit dem naturwissenschaftlichen nichts zu tun. Ob ein ferner Planet wirken kann, interessiert ihn nicht; er setzt es versuchsweise voraus und fragt weiter: Was bliebe dann noch vom Menschen, und was bliebe von Gott?
Vom Menschen bliebe zu wenig, lautet die eine Antwort: Ohne die Möglichkeit, anders zu handeln als vorgesehen, gibt es keine Schuld, kein Verzeihen, keine Umkehr – und darauf ist der christliche Glaube gebaut. Die andere Antwort betrifft den Rang. Wer sich vor jeder Entscheidung beim Himmel rückversichert, richtet sein Leben nach etwas aus, das nach christlicher Lehre selbst geschaffen ist – die Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf. In den kirchlichen Texten wiegt diese Sorge am schwersten.
Was in der Bibel dazu steht
Belege finden dort beide Seiten. Im fünften Buch Mose warnt eine Stelle davor, sich beim Anblick von Sonne, Mond und Sternen zur Anbetung verleiten zu lassen. Beim Propheten Jesaja werden die Sterndeuter Babylons verspottet, weil sie das Unheil über ihrer eigenen Stadt nicht kommen sahen. Getroffen sind damit die Verehrung der Gestirne und die Großspurigkeit derer, die alles vorherzusagen versprechen – nicht die Rechenkunst.
Dagegen steht die bekannteste Szene überhaupt. Im Matthäusevangelium kommen Sterndeuter aus dem Osten, folgen einem Stern und werden dafür nicht getadelt. Was sie fachlich taten, sagt der Text nicht – eben deshalb ist die Stelle für beide Lager brauchbar. Wer sie als Freibrief liest, legt mehr hinein, als dasteht; wer sie übergeht, streicht die Sterndeuter aus der Weihnachtsgeschichte.
Augustinus und die Zwillinge
Augustinus hatte sich als junger Mann ernsthaft mit Sterndeutung befasst und sie später verworfen. Sein bekanntestes Argument kursiert bis heute: Zwei Kinder, die kurz nacheinander zur Welt kommen, haben praktisch dasselbe Geburtsbild und führen völlig verschiedene Leben. Der Grund seiner Abkehr lag aber tiefer. Ein Mensch, der seine Fehler den Gestirnen zuschreibt, macht sich zum Zuschauer des eigenen Lebens – und wem nichts mehr zuzurechnen ist, dem ist auch nichts mehr zu vergeben.
Warum die Astrologie trotzdem blieb
Verschwunden ist sie deswegen nicht. Sie wurde an Universitäten gelehrt, Ärzte rechneten mit ihr, Kalender wurden nach ihr gemacht. Möglich war das, weil man zwei Arten von Anwendung auseinanderhielt. Unbedenklich blieb, was auf Natur und Körper zielte: Wetter, Aussaat, Seefahrt, der günstige Zeitpunkt für eine Behandlung. Beanstandet wurde, was über den Willen eines Menschen und seine künftigen Entscheidungen Auskunft geben wollte.
Diese Trennlinie hielt lange. Als in der frühen Neuzeit das vorhersagende Handwerk untersagt wurde, nahmen die Erlasse Landwirtschaft, Seefahrt und Heilkunde eigens davon aus. Der Streit ging nie um Sternkunde überhaupt, sondern um eine bestimmte Art von Satz über einen bestimmten Menschen.
Wie es heute aussieht
Die Kirchen bleiben zurückhaltend bis ablehnend, die Begründung hat sich aber verschoben. Der Vorwurf der verbotenen Kunst tritt zurück, stärker wiegt der Einwand, dass hier eine zweite Weltdeutung angeboten wird, die dieselben großen Fragen beantwortet: woher ich komme, was mir bestimmt ist, worauf ich hoffen darf. Dazu kommt eine seelsorgerliche Erfahrung: Wer in einer Krise steckt, macht sich leicht von jemandem abhängig, der ihm sagt, was kommt.
Viel hängt daran, was die Astrologie über sich selbst behauptet. Versteht sie sich als Beschreibung von Anlagen, als Sprache für Eigenheiten, ist der Abstand zum Glauben kleiner, als beide Seiten meinen; was ein Geburtsbild enthält, steht in der Übersicht zur Astrologie. Versteht sie sich als feststehender Fahrplan, ist der Konflikt so scharf wie im vierten Jahrhundert.
Entscheiden musst Du das selbst; ein Astrologe nimmt es Dir nicht ab und diese Seite auch nicht. Wie ausgearbeitete Deutungen aussehen, zeigen die Horoskope.