Horoskopanalysen

Der Hase in den vier Säulen

Vom Hasen heißt es, er sei das verträglichste Zeichen des chinesischen Zyklus. Was in solchen Sätzen untergeht: Der Zweig, der dahintersteht, kommt in einem Geburtsbild an vier verschiedenen Stellen vor, und an jeder bedeutet er etwas anderes. Wer nur sein Jahrestier kennt, kennt die weiteste und unschärfste davon.

Ein Zweig, vier Plätze

Mao, der vierte Erdzweig, bezeichnet nicht nur ein Geburtsjahr. Derselbe Zweig steht auch für einen Monat — ungefähr vom 6. März bis zum 4. April —, für eine Doppelstunde von fünf bis sieben Uhr morgens und für jeden zwölften Tag. Ein vollständiges Geburtsbild besteht aus allen vier Angaben: Jahr, Monat, Tag und Stunde. Jede trägt einen eigenen Stamm und einen eigenen Zweig, und jede ist für einen anderen Ausschnitt zuständig.

Überliefert ist ungefähr diese Aufteilung: Das Jahr steht für die Herkunft und für die Umstände, in die jemand hineingeboren wird. Der Monat für das Elternhaus und später für Arbeit und Werdegang. Der Tag für die Person selbst und für ihre engste Bindung. Die Stunde für das, was nachkommt — Kinder, Schüler, die späteren Jahre.

Derselbe Hase, vier verschiedene Aussagen

Aus einer einzigen Zuschreibung wird damit eine Reihe recht unterschiedlicher Sätze. Ein Hase im Jahr spricht vom Umfeld, in das jemand hineingeboren wurde, und fasst dabei einen ganzen Jahrgang zusammen. Ein Hase im Monat verlegt dieselbe Eigenart dorthin, wo gearbeitet wird: Du prüfst die Stimmung, bevor Du eine Forderung stellst. Ein Hase am Tag trifft die Säule der Person selbst, genauer ihren Zweig — den liest die Überlieferung als den Platz der engsten Bindung. Und ein Hase in der Stunde betrifft die späteren Jahre und den Umgang mit denen, die nach einem kommen.

Diese vier Sätze stehen nebeneinander und widersprechen sich manchmal. Das ist kein Fehler des Systems, sondern sein Zweck: Ein Mensch ist selten überall derselbe. Wie das Gerüst insgesamt gebaut ist, steht bei der chinesischen Astrologie.

Ausweichen ist eine Fähigkeit

Was diesem Zweig zugeschrieben wird, klingt in Stichworten nach wenig. Im Alltag sieht es konkreter aus. Er merkt, dass ein Gespräch kippt, bevor es kippt, und stellt eine andere Frage. Er weiß, wann er einen Raum verlässt. Er sagt selten das Falsche, weil er zuerst zuhört und dann redet. Und er bringt Menschen dazu, sich in seiner Gegenwart weniger anzustrengen.

Das ist nicht wenig. Überall dort, wo eine Sache nur gelingt, solange sich niemand angegriffen fühlt — in Verhandlungen, in der Pflege, im Unterricht —, ist genau das die entscheidende Fähigkeit, und sie lässt sich schwerer erwerben als Durchsetzungsvermögen.

Der Preis: was nicht ausgesprochen wird

Die Kehrseite steht in jeder Beschreibung, meistens als höfliche Andeutung: Konfliktscheu. Ausbuchstabiert heißt das, dass vermiedene Gespräche sich nicht auflösen, sondern ansammeln. Das Honorar, das seit zwei Jahren zu niedrig ist. Die Aufgabe, die stillschweigend hängen geblieben ist. Der Satz, den jemand gesagt hat und der nie beantwortet wurde.

Die Überlieferung rät dem Hasen deshalb nicht, härter zu werden — das ginge an seiner Bauweise vorbei —, sondern früher zu sprechen. Ein Einwand am ersten Tag kostet einen Satz. Derselbe Einwand nach zwei Jahren kostet eine Auseinandersetzung, und dann wirkt er obendrein unverhältnismäßig.

Was Du tatsächlich über Dich weißt

Von ihren vier Säulen kennen die meisten genau eine, und zwar die, die am wenigsten über sie aussagt. Monat und Tag ergeben sich aus dem Geburtsdatum; für die Stunde brauchst Du die Uhrzeit. Wer sie hat, hat statt einer Angabe vier — und erst dann lässt sich überhaupt sagen, an welcher Stelle im eigenen Leben das Ausweichen vorkommt und wo es nichts zu suchen hat.