Die Stunde der Ratte
Die meisten Menschen kennen ihr Jahrestier und hören damit auf. Dieselben zwölf Tiere laufen aber auch durch den Tag: Jedes besetzt zwei der vierundzwanzig Stunden. Die Ratte hat dabei die merkwürdigste Schicht erwischt – die um Mitternacht, dort, wo das Datum umspringt.
Zwölf Tiere, ein Tag
Bevor mechanische Uhren nach Ostasien kamen, wurde der Tag nicht in vierundzwanzig, sondern in zwölf Abschnitte geteilt. Jeder trug den Namen eines Erdzweigs, also eines der zwölf Tiere, und dauerte doppelt so lange wie unsere Stunde. Das war kein gelehrter Spleen, sondern Alltag: Man verabredete sich zur Stunde des Hasen und nicht auf sechs Uhr.
Nachzuhören ist das bis heute in der Sprache. Das chinesische Wort für unsere Stunde bedeutet wörtlich „kleine Stunde“ – klein deshalb, weil sie nur halb so lang ist wie der Abschnitt, den sie abgelöst hat. Die westliche Uhr hat sich durchgesetzt, der Name erinnert an die Einteilung davor.
Warum die Ratte die Mitternacht bekommt
Die Stunde der Ratte reicht von dreiundzwanzig Uhr bis ein Uhr. Sie ist die erste der zwölf, und sie ist die einzige, die über die Tagesgrenze hinweggeht: Ihre erste Hälfte gehört noch zum Abend, ihre zweite schon zum nächsten Morgen. Gezählt wird also weder ab dem Aufstehen noch ab dem Sonnenaufgang, sondern ab der dunkelsten Stelle der Runde. Im Jahreslauf sitzt die Ratte an der entsprechenden Stelle: Ihr Monat ist der, in den die Wintersonnenwende fällt. Tag und Jahr sind nach demselben Muster gebaut, nur in verschiedenen Maßstäben.
Frühe und späte Rattenstunde
Daraus folgt eine Eigenheit, über die jeder stolpert, der sein chinesisches Geburtsbild zweimal rechnen lässt. Die Überlieferung unterscheidet eine frühe und eine späte Rattenstunde, also die Hälfte vor Mitternacht und die danach. Uneinig ist sie darüber, ob die frühe schon zum kommenden Tag zählt oder noch zum ablaufenden. Wer um zwanzig nach elf abends zur Welt kommt, bekommt deshalb je nach Rechenweise zwei verschiedene Tageszeichen.
Das betrifft eine Stunde von vierundzwanzig, und ausgerechnet die empfindlichste Angabe hängt daran: Am Tageszeichen wird in der chinesischen Deutung die Person selbst gelesen. Wer in dieser Stunde geboren ist, sollte beide Möglichkeiten kennen, statt sich auf die erstbeste Tabelle zu verlassen.
Die Uhr am Arm ist nicht die Uhr am Himmel
Die zweite Falle steckt in der Uhrzeit selbst. Die Doppelstunden folgen dem Stand der Sonne, die Uhr folgt einer Verwaltungsentscheidung. In China gilt seit 1949 vom äußersten Westen bis zur Küste eine einzige Zonenzeit; weit im Westen steht die Sonne deshalb erst lange nach zwölf am höchsten. Eine dort notierte Uhrzeit sagt über den Sonnenstand wenig; manche Schulen rechnen sie deshalb vor der Zuordnung um.
Näher liegt die Sommerzeit. Eine Stunde Verschiebung klingt harmlos, ist hier aber eine halbe Doppelstunde und damit die halbe Breite eines Tierabschnitts. Eine Geburt um halb zwei an einem Julimorgen fällt nach der Uhr bereits in die Stunde des Ochsen; ohne die Sommerzeit wäre es noch die Stunde der Ratte. Rein rechnerisch bleibt bei jeder zweiten Geburtszeit das Stundentier trotz der Verschiebung dasselbe, bei jeder anderen nicht.
Was die Stunde hinzufügt
Und wozu der Aufwand? Das Geburtsjahr fasst einen ganzen Jahrgang zusammen, Monat und Tag grenzen ein, und die Stunde ist die einzige Angabe, die zwei Menschen auseinanderhält, deren Geburtstag auf dasselbe Datum fällt. Ohne sie bleibt ein Bild, das auf alle passt, die an diesem Datum geboren wurden – weltweit sind das ein paar hunderttausend.
Kennst Du Deine Geburtszeit, ist das Stundentier in wenigen Minuten bestimmt. Fällt sie zwischen dreiundzwanzig und ein Uhr, bist Du in dem einen Abschnitt geboren, der zwei Daten gleichzeitig trägt – der einzigen Doppelstunde also, bei der vor der Deutung eine Entscheidung fällig wird. Wie die zwölf Zweige untereinander zusammenhängen und was neben dem Tier sonst in ein chinesisches Geburtsbild gehört, findest Du unter chinesische Astrologie.