Im Tigerjahr geboren: Jahrgänge und Zuschreibungen
Der Tiger steht an dritter Stelle des chinesischen Tierkreises, und unter allen zwölf Zeichen hat er wohl die beste Presse. Das liegt nur zum Teil an der Astrologie. Der größere Teil kommt aus einer Vorstellung, die älter ist als jede Charakterliste: In China war der Tiger zuerst ein Wächter.
Warum das Tier so gut wegkommt
Kleine Kinder bekamen dort Mützen und Schuhe mit gesticktem Tigergesicht, mit Ohren, Augen und Schnurrhaaren — nicht als Verkleidung, sondern damit Unheil sich nicht herantraut. Aus demselben Grund hingen Tigerbilder an Türen und über Betten. Wer heute als Tiger beschrieben wird, erbt einen Teil davon: Gemeint ist eine Kraft, die abwehrt, und nicht eine, die zuschlägt.
Dazu kommt ein Detail, das in China jedem Kind auffällt: Die Streifenzeichnung auf der Stirn eines Tigers ähnelt dem Schriftzeichen für „König“. Ein Tier, das seinen Titel im Gesicht trägt, wird nicht als Raubtier unter anderen einsortiert. Und in einer ganz eigenen Ordnung, den vier Himmelstieren, die den Sternhimmel in Viertel teilen, bewacht der Weiße Tiger den Westen. Mit der Zwölferreihe der Jahre hat das nichts zu tun. Es liegt nur daneben, in derselben Kultur, und färbt ab.
Welche Jahrgänge dazugehören
Tiger sind die Jahrgänge 1938, 1950, 1962, 1974, 1986, 1998, 2010 und 2022. Nach zwölf Jahren ist das Zeichen wieder an der Reihe, das nächste Mal 2034.
Bei Geburtstagen im Winter lohnt eine Zusatzfrage. Der Jahrgang wechselt nicht in der Silvesternacht, sondern zum chinesischen Neujahrsfest, und dessen Datum wandert: Es fällt nie vor den 21. Januar und nie nach den 20. Februar. Das Tigerjahr 2010 begann zum Beispiel erst Mitte Februar. Wer Anfang Februar 2010 zur Welt kam, zählt nach diesem Kalender also noch zum Vorgängerzeichen, dem Büffel. Eine Tabelle des eigenen Geburtsjahres klärt das in einer Minute. Wie gezählt wird und warum, gehört zu den Grundlagen der chinesischen Astrologie.
Was dem Zeichen nachgesagt wird
Die Überlieferung beschreibt den Tiger als jemanden, der vorangeht, ohne vorher zu prüfen, ob die anderen mitkommen. Er springt für Leute ein, die sich schlecht wehren können, und nimmt dafür Ärger in Kauf, der ihn gar nichts angeht. Dazu gehört ein schnelles Gespür dafür, wo es nicht mit rechten Dingen zugeht — weniger ein Grundsatz als ein Reflex. Und eine sehr unmittelbare Wärme: nachfragen, sich die Antwort merken, einladen, sich für jemanden ins Zeug legen.
Die Rechnung dafür steht in denselben Texten. Wer rasch anfängt, hat selten Geduld mit dem zähen Stück in der Mitte, und Angefangenes stapelt sich. Wer sich von Rangordnungen wenig beeindrucken lässt, reibt sich an Vorgesetzten auf, auch wenn die Sache das gar nicht verlangt. Und wer gewohnheitsmäßig vorn steht, bemerkt zu spät, wie müde ihn das macht.
So gebaut sind alle zwölf Tierporträts: eine Stärke, daneben ihr Übermaß. Das macht sie nicht falsch, aber austauschbar. Ihr Nutzen liegt darin, dass sie etwas zur Sprache bringen, womit sonst niemand anfängt — nicht darin, dass sie etwas belegen.
Pferd, Hund und Affe
Im Volksmund läuft die Regel kurz: Mit Pferd und Hund geht es gut, vom Affen besser die Finger lassen. Dahinter steht eine Ordnung der zwölf Zweige untereinander. Tiger, Pferd und Hund liegen im Kreis jeweils vier Positionen auseinander und bilden eine der vier Dreiergruppen; der Affe liegt dem Tiger auf der anderen Kreisseite gegenüber.
Nur ist diese Ordnung nicht für die Partnerwahl gemacht. Gebraucht wird sie innerhalb eines einzigen Geburtsbildes, zwischen dessen vier Säulen, und beim Aussuchen günstiger Termine. Erst die populäre Kurzfassung macht daraus eine Auskunft über zwei Menschen, von denen sie nichts kennt als die Geburtsjahre. Was zwischen zwei Personen klemmt, hat in aller Regel Gründe, die sich benennen und auch besprechen lassen.
Der Tiger als Selbstbeschreibung
Brauchbar ist das Zeichen, solange Du es als Angebot liest und nicht als Befund. Es benennt eine bestimmte Art, in Bewegung zu geraten, und es bringt aus seiner Herkunft etwas mit, das die meisten Tierporträts nicht haben: die Zumutung, für andere geradezustehen. Ob Du sie annimmst, steht in keinem Kalender.