Horoskopanalysen

Eine dunkle Begierde: Freud, Jung und die Astrologie

Der Film „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg kam 2011 in die Kinos und erzählt von den frühen Jahren der Psychoanalyse. Michael Fassbender spielt C. G. Jung, Viggo Mortensen Sigmund Freud, Keira Knightley die Patientin Sabina Spielrein, die später selbst Psychoanalytikerin wurde. An dieser Konstellation ist etwas bemerkenswert, wofür ein Spielfilm keine Zeit hat: Von den beiden Männern hat sich einer ernsthaft mit Horoskopen befasst, und der andere hielt so etwas für einen Rückfall hinter alles, was er erreichen wollte.

Jung und die Geburtsbilder seiner Patienten

Jung ist der Grund, warum in fast jedem astrologischen Buch irgendwann sein Name fällt. Er hat berichtet, dass er sich bei schwierigen Fällen das Geburtsbild eines Patienten ansah — nicht, um etwas vorherzusagen, sondern um eine zweite Beschreibung desselben Menschen neben der eigenen zu haben. Die Zeichen und Planeten interessierten ihn als Bildvorrat: als Gestalten, die Menschen über Jahrtausende hervorgebracht haben, verwandt mit Märchen und Mythen. Für solche wiederkehrenden Gestalten steht bei ihm der Begriff des Archetypus.

Das ist weniger, als in seinem Namen behauptet wird, und mehr, als Skeptiker zugestehen. Jung war kein Astrologe und hat nie vertreten, dass von den Planeten eine Wirkung ausgeht. Aufschlussreich fand er das überlieferte Material — und zwar über die Menschen, die es hervorgebracht haben.

Synchronizität und das überlesene Wort

1952 veröffentlichte Jung einen Aufsatz über das, was er Synchronizität nannte: das sinnvolle Zusammentreffen zweier Dinge, zwischen denen keine Ursache vermittelt. Der Band erschien zusammen mit einem Beitrag des Physikers Wolfgang Pauli, mit dem Jung über solche Fragen lange korrespondiert hatte.

Auf diesen Begriff berufen sich astrologische Texte bis heute am liebsten. In ihm steht allerdings ein Wort, das gern überlesen wird: sinnvoll. Ob zwei Ereignisse sinnvoll zusammentreffen oder bloß gleichzeitig eintreten, entscheidet kein Messgerät, sondern derjenige, der hinsieht. Jung war sich dessen bewusst und hat den Beobachter ausdrücklich in seinen Begriff hineingenommen. Wer ihn heute anführt, lässt diesen Teil meist weg und behandelt Synchronizität, als wäre sie eine Eigenschaft der Welt und nicht eine Leistung dessen, der sie bemerkt.

Der Versuch mit den Ehepaaren

In diesen Zusammenhang gehört die meistzitierte astrologische Untersuchung überhaupt, und sie stammt von Jung selbst. Er verglich die Geburtsbilder von mehreren hundert Ehepaaren und sah nach, ob dort jene Verbindungen häufiger auftreten, die in der Überlieferung als Heiratsaspekte gelten — Konjunktionen zwischen Sonne, Mond und Aszendent der beiden Partner.

Die erste Auswertung sah verblüffend aus. Mit weiteren Gruppen löste sich der Befund wieder auf, und Jung hielt selbst fest, dass das Ergebnis im Rahmen des Zufalls bleibe. Veröffentlicht hat er es trotzdem, und er deutete den Verlauf als Beispiel für seinen eigenen Begriff: Auch die Erwartung dessen, der da untersucht, gehöre zu dem, was zusammenfällt.

Diesen Schluss muss man nicht teilen. Festhalten lässt sich aber, was selten mitzitiert wird: Der Mann, auf den sich die Astrologie am liebsten beruft, hat sie geprüft, nichts gefunden und das aufgeschrieben.

Freud wollte damit nichts zu tun haben

Freud kämpfte darum, dass die Psychoanalyse als Wissenschaft genommen wurde, und jede Nähe zum Okkulten stand ihm dabei im Weg. Er hat Jung vor diesem Gelände gewarnt, in deutlichen Worten. Dass sich die beiden später überwarfen, hatte mehrere Gründe, von denen dieser nur einer war; erschöpfend erklären lässt sich der Bruch damit nicht.

Was sich daraus mitnehmen lässt

Ein Name ist kein Argument. Wenn irgendwo steht, dass „schon C. G. Jung“ die Astrologie ernst genommen habe, stimmt das — und beweist nichts, weder über die Astrologie noch über den Text, in dem der Satz steht. Brauchbarer als die Berufung auf ihn ist die Arbeitsweise, die er vorgeführt hat: sich das Material genau ansehen, die Frage so stellen, dass sie schiefgehen kann, und das Ergebnis auch dann hinschreiben, wenn es nicht ins Bild passt. Womit eine Deutung im Einzelnen arbeitet, zeigen die Planeten und die Sternzeichen.