Steinbock: die Ziege mit dem Fischschwanz
Der deutsche Name führt in die Irre. Ein Steinbock ist zunächst ein wirkliches Tier: ein Bergbewohner mit schweren, geriffelten Hörnern, der an Felswänden steht, wo sonst nichts mehr steht. Das Tierkreiszeichen meint etwas anderes. Auf alten Sternkarten, auf Siegeln und in Kalenderbildern hat der Steinbock vorn eine Ziege und hinten einen Fisch. Die Sonne läuft von der Wintersonnenwende an rund vier Wochen durch dieses Zeichen und verlässt es um den 20. Januar.
Ein Tier, das es nicht gibt
Die Spur führt weit zurück. In Mesopotamien ist das Mischwesen aus Ziege und Fisch seit Jahrtausenden bezeugt; es gehörte dort zu Ea, dem Gott des Süßwassers, das man sich unter der Erde vorstellte. Der lateinische Name der Figur, Capricornus, heißt nichts weiter als Ziegenhorn — die Fischhälfte steht nicht im Namen, war aber immer mitgemeint.
Die Griechen haben später eine Geschichte dazu erzählt: Der Hirtengott Pan sei auf der Flucht vor einem Ungeheuer in den Nil gesprungen; was unter Wasser geriet, wurde Fisch, was darüber blieb, blieb Ziege. Solche Erklärungen kommen meistens nach dem Bild und nicht vor ihm. Man erkennt an ihnen vor allem, dass das Mischwesen schon den Erzählern selbst erklärungsbedürftig vorkam.
Am Himmel kaum zu finden
Wer die Figur am Nachthimmel sucht, braucht einen dunklen Abend und Geduld. Das Sternbild liegt zwischen Schütze und Wassermann, es ist ausgedehnt und lichtschwach, sein hellster Stern ist von dritter Größe, und die Linien, die man zwischen seinen Sternen zieht, ergeben eher ein flaches Dreieck oder ein Boot als ein Tier. Zu sehen ist es im Spätsommer und im Herbst, tief im Süden. In den Wochen, in denen das Zeichen läuft, steht es nahe bei der Sonne und ist deshalb praktisch nicht zu sehen.
Ein bekanntes Zeichen also, dessen Sternbild kaum jemand je bewusst angesehen hat.
Die Ziege: der Teil, den alle beschreiben
Die obere Hälfte kommt in jeder Beschreibung vor: der Aufstieg, der sichere Tritt, die Geduld an einer steilen Stelle. Eine Ziege am Berg geht weder schnell noch gerade; sie sucht den Tritt, der hält, und nimmt dafür Umwege in Kauf. Gegen dieses Bild ist nichts zu sagen. Nur ist damit die halbe Figur beschrieben.
Der Fischschwanz: der Teil, der fehlt
Die untere Hälfte ist unter Wasser, und dort sieht man sie nicht. Sie steht für alles, was dieses Zeichen nicht vorzeigt, weil es damit nichts erreichen kann: das lange Denken ohne Zweck, die Anhänglichkeit an Dinge, die gedauert haben, das Heimweh nach Orten, an denen man gar nicht mehr leben möchte.
Wer einen Steinbock länger kennt, hat das erlebt. Einer, den alle für nüchtern halten, hängt an einem alten Haus, an einer Melodie, an einer Freundschaft aus der Schulzeit, und zwar ohne jedes Maß. Die Figur sagt, dass das kein Widerspruch ist, sondern die zweite Hälfte desselben Tieres. Sie sagt außerdem, wo die zweite Hälfte sitzt: unterhalb der Wasserlinie, nicht sichtbar, ohne dass sie deswegen kleiner wäre.
Was das Bild fürs Lesen hergibt
Ein Zeichen ist keine Charakternote, und ein altes Bild ist kein Beweis. Als Korrektiv taugt dieses hier trotzdem. Wenn Du eine Steinbock-Beschreibung liest, in der nur geklettert und durchgehalten wird, fehlt die Hälfte. Und wenn Du selbst einer bist und Dich in den üblichen Texten wiederfindest, aber immer mit dem Gefühl, dass der wärmere Teil nicht vorkommt: Er kommt tatsächlich nicht vor, und das seit Jahrhunderten in fast jeder Aufzählung.
Eine Frage bringt hier mehr als jede Eigenschaftsliste, und Du kannst sie jedem Steinbock stellen, den Du kennst: Was machst Du, wenn gerade nichts zu erreichen ist? Die Antwort gehört zur unteren Hälfte, und über die steht in keinem Kurzporträt etwas.
Wer einen Steinbock beschreiben will, kommt mit der Ziege allein nicht aus. Die zweite Hälfte gehört zur Figur, seit es sie gibt; verloren gegangen ist sie erst in den Aufzählungen. Die Bilder der übrigen Zeichen findest Du unter Sternzeichen, die Himmelskörper eines Geburtsbildes unter Planeten.