Horoskopanalysen

Kastor und Pollux: das Bild hinter den Zwillingen

An klaren Winterabenden stehen zwei fast gleich helle Sterne dicht beieinander hoch am Himmel, ein Stück über dem Orion. Sie tragen die Namen zweier Brüder aus einer griechischen Erzählung, und nach ihnen heißt ein Zwölftel des Tierkreises. Woher das Bild der Zwillinge stammt, steht dort – und nicht in den Eigenschaftslisten.

Zwei Brüder, ein geteiltes Leben

Kastor und Polydeukes, bei den Römern Pollux, gelten in der Überlieferung als Söhne der Leda, aber nicht als Söhne desselben Vaters: Pollux stammt von Zeus und ist unsterblich, Kastor von einem sterblichen König. Sie wachsen zusammen auf, ziehen zusammen los, und dann stirbt Kastor bei einem Streit um eine Viehherde.

Pollux bittet darauf, nicht ohne den Bruder weiterleben zu müssen. Die Unsterblichkeit wird geteilt: Von da an verbringen die beiden ihre Zeit abwechselnd, der eine oben, solange der andere unten ist. Das ist das Bild, das in diesem Zeichen steckt – nicht zwei Gesichter, sondern zwei Hälften, die zusammengehören und nie gleichzeitig am selben Ort sind.

Die Schutzherren der Seefahrer

In der Antike waren die beiden keine Figuren für Sternkundige, sondern Nothelfer. Seeleute riefen sie bei Sturm an, und das bläuliche Leuchten, das sich bei Gewitter an Mastspitzen zeigen kann, galt als ihr Erscheinen; zwei Flammen waren ein gutes Vorzeichen, eine einzelne nicht. In Rom bekamen sie mitten auf dem Forum einen eigenen Tempel, von dem drei Säulen bis heute stehen. Das Bild war also keine Randnotiz für Gelehrte, sondern etwas, worauf Leute im Ernstfall gesetzt haben.

Was am Himmel wirklich steht

Die beiden Punkte lassen sich mit bloßem Auge unterscheiden. Der hellere ist Pollux, ein orange leuchtender Riesenstern, gut dreißig Lichtjahre entfernt. Kastor daneben wirkt schwächer und steht rund fünfzig Lichtjahre weit weg, obwohl ihm die Sternkunde den ersten Buchstaben des Sternbilds zugeteilt hat. Ein Fernrohr zerlegt ihn in mehrere Punkte; insgesamt sind es sechs Sonnen, die einander paarweise umkreisen. Die beiden Brüder am Himmel haben also nichts miteinander zu tun – sie stehen nur aus unserer Blickrichtung nebeneinander.

Und dann das Verwirrende: Ausgerechnet in den Wochen, in denen die Zwillinge Geburtstag haben, bekommst Du diese Sterne kaum zu sehen. Sie stehen im Frühsommer ungefähr in derselben Richtung wie die Sonne und gehen kurz nach ihr unter, mitten in der hellen Dämmerung. Richtig zu sehen sind sie erst ein halbes Jahr später. Das gilt für jedes Zeichen: Die Sterngruppe, die Deinem Geburtsmonat den Namen gibt, ist um Deinen Geburtstag herum gerade die eine, die Du nicht findest.

Warum ein Doppelbild etwas ändert

Unter den zwölf Bildern des Tierkreises sind die Zwillinge und die Fische die einzigen, die aus zwei gleichen Wesen bestehen; die übrigen zeigen eine einzelne Gestalt oder einen einzelnen Gegenstand. Das ist mehr als eine Kuriosität, denn jede Deutung arbeitet an dem Bild entlang, das sie vor sich hat. Von einem Widder lässt sich sagen, was er tut. Ein Doppelbild zwingt die Deutung, zwei Dinge zugleich unterzubringen – und sie kommt deshalb regelmäßig bei Wechsel, Beweglichkeit und Widerspruch heraus.

Was aus der Erzählung in die Deutung gewandert ist

Von allem, was über Kastor und Pollux erzählt wird, hat es nur ein Teil in die Zeichenbeschreibungen geschafft. Übernommen wurde die Doppelung: zwei, die zusammen auftreten und sich abwechseln. Übernommen wurde auch die Ungleichheit der beiden – der eine sterblich, der andere nicht –, aus der in der Deutung das Nebeneinander zweier Seiten wird, die nicht dasselbe Gewicht haben.

Nicht übernommen wurde der Rest: der Streit um die Herde, der Tod, die Rache. Und fast nie übernommen wird das, was die Erzählung eigentlich zusammenhält. Pollux hätte für sich weiterleben können und wollte es nicht. Die Geschichte handelt von zweien, die voneinander nicht loskommen, und nicht von einem, der sich nicht entscheiden kann.

Was die Astrologie aus diesem Abschnitt des Jahres gemacht hat, stammt aus dieser Bildersprache: aus einem Stück Frühsommer, aus dem Element Luft und eben aus zwei Brüdern, die einander ablösen. Welches Porträt daraus geworden ist, kannst Du bei den Sternzeichen nachlesen; und was neben dem Sonnenzeichen sonst in ein Geburtsbild gehört, fängt beim Aszendenten an.