Das senkrechte Weltbild: Entsprechung statt Ursache
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten, Ordnung in die Welt zu bringen – und die meisten Streitgespräche über Astrologie entstehen, weil die Beteiligten unbemerkt zwei verschiedene benutzen. Für diese beiden Zugänge hat sich im deutschsprachigen Raum ein anschauliches Bild eingebürgert: das waagerechte und das senkrechte Weltbild. Der Ausdruck ist eng mit dem Namen Thorwald Dethlefsen verbunden. Um die Person soll es hier nicht gehen, sondern um den Gedanken, denn der lässt sich auch ohne Kenntnis seines Urhebers nachvollziehen.
Waagerecht: die Kette der Ursachen
Das waagerechte Denken folgt der Zeit. Etwas geschieht, weil zuvor etwas anderes geschehen ist: Der Ball fliegt, weil ihn jemand getreten hat. Die Ursache liegt immer auf derselben Ebene wie die Wirkung, gleich davor. Diese Denkweise hat die Naturwissenschaft groß gemacht, und ihre Erfolge sind unübersehbar. Sie hat ein festes Verfahren: Man zerlegt einen Gegenstand in kleinere Bestandteile, diese wieder in kleinere, und sucht die Erklärung stets eine Ebene tiefer. Das Ganze wird aus seinen Teilen erklärt.
Senkrecht: die Ordnung der Entsprechungen
Das senkrechte Denken fragt nicht, was vorher war, sondern was einander gleicht. Es ordnet quer durch die Ebenen: Diese Pflanze, diese Farbe, dieses Metall, dieses Organ, dieser Charakterzug und dieser Planet gehören zusammen, weil in ihnen dasselbe Muster erkennbar ist – nicht weil eines das andere hervorbrächte. Das ist der Kern der alten Formel »wie oben, so unten«. Dieselbe Ordnung zeigt sich im Großen wie im Kleinen, ohne dass zwischen beiden ein Draht gespannt wäre.
Hier liegt die eigentliche Pointe für die Astrologie. Wer senkrecht denkt, behauptet gar nicht, der Mars sende Strahlen aus, die einen Menschen zornig machen. Er sagt: Was wir Mars nennen und was wir an einem Menschen Durchsetzungskraft nennen, sind zwei Erscheinungen desselben Musters auf verschiedenen Ebenen. Die Gestirne verursachen nichts, sie zeigen etwas an – so wie die Uhr die Zeit anzeigt, ohne sie zu machen.
Warum Vereinfachung dazugehört
Beide Zugänge vereinfachen, sie tun es nur in entgegengesetzte Richtungen. Das waagerechte Denken vereinfacht nach unten, zu den kleinsten Einheiten hin, und sammelt dabei immer mehr Einzelheiten an. Das senkrechte vereinfacht nach oben: Es sucht hinter einer unübersehbaren Vielfalt von Erscheinungen die wenigen Grundmuster – zwölf Zeichen, vier Elemente, eine Handvoll Planeten. Deshalb wirkt die astrologische Symbolsprache auf Neulinge zunächst so grob. Sie will gar nicht jeden Einzelfall abbilden, sondern das Muster, das sich in vielen Einzelfällen wiederholt.
Das grundlegende Problem
Die beiden Systeme können einander schlecht beurteilen, weil jedes nur seine eigenen Belege anerkennt. Verlangt man von der Astrologie eine Ursache, kann sie keine liefern, denn sie kennt keine. Verlangt man von der Messung eine Entsprechung, findet sie keine, denn sie sucht nicht danach. Daraus folgt eine unangenehme Konsequenz, die ehrliche Astrologen offen benennen: Ein System aus Entsprechungen lässt sich nicht widerlegen. Es findet hinterher zu jedem Ausgang das passende Bild. Genau das macht es als Deutungssprache reich und als Vorhersageinstrument unzuverlässig.
Was das Modell taugt
Als Beschreibung zweier Denkweisen ist das Bild von Waagerechte und Senkrechte brauchbar und klärend. Es erklärt, warum Astrologie und Naturwissenschaft regelmäßig aneinander vorbeireden, und es nimmt der Astrologie den Anspruch, eine verkappte Physik zu sein. Was es nicht leistet: Es beweist nichts. Die Entscheidung, ob eine Ordnung der Entsprechungen tatsächlich besteht oder ob der Mensch sie in die Dinge hineinsieht, nimmt Dir kein Weltbild ab.
Für die Praxis heißt das etwas sehr Nüchternes. Wenn Du ein Horoskop liest, liest Du keine Ursachen, sondern Bilder – und Bilder verlangen Urteilskraft. Wer das im Kopf behält, kommt mit der Astrologie weiter als jemand, der Naturgesetze von ihr erwartet, und bleibt zugleich vor der Selbsttäuschung geschützt, ein Symbol habe irgendetwas bewiesen.