Horoskopanalysen

Streitfall Astrologie: warum Kritik so wenig ausrichtet

· Horoskop Blogroll

Über die Astrologie wird seit Jahrhunderten gestritten, und geschadet hat ihr der Streit noch nie. Beides läuft nebeneinander her: Es kommen ernst gemeinte Einwände, sie werden gelesen, oft sogar zugestanden — und am nächsten Morgen wird der Abschnitt zum eigenen Zeichen trotzdem wieder aufgeschlagen. Dieser Widerspruch ist aufschlussreicher als der Schlagabtausch, in dem er vorkommt.

Eine Widerlegung braucht eine Behauptung

Argumente wirken gegen Aussagen. Wer zeigt, dass eine Aussage nicht zutrifft, entzieht ihr den Boden — vorausgesetzt, es hat sich jemand darauf gestützt. Genau hier läuft die Auseinandersetzung ins Leere. Frag jemanden, der morgens seinen Abschnitt liest, ob der Mars ihm heute die Laune verdirbt, und Du erntest in aller Regel ein Lachen. Am nächsten Morgen wird trotzdem wieder gelesen.

Für die eine Seite ist der Fall damit erledigt: Wer es nicht einmal selbst ernst meint, treibt Unfug. Für die andere geht der Einwand am Gegenstand vorbei. Von ihrem jeweiligen Standpunkt aus haben beide recht. Die eine spricht über eine Aussage, die andere über eine Gewohnheit, und Gewohnheiten lassen sich nicht widerlegen.

Wozu das Lesen im Alltag dient

Wenn es nicht die Auskunft über den kommenden Donnerstag ist — was ist es dann? Meistens dreierlei, und von den Einwänden wird keines davon überhaupt berührt.

Zum Ersten bekommt Zeit eine Form. Eine schwere Strecke hat in dieser Sprache einen Anfang und ein Ende: Der Durchgang läuft bis zum Sommer, danach ist er vorbei. Ob das zutrifft, ist die eine Frage. Dass sich eine Strecke mit absehbarem Ende leichter aushalten lässt als eine ohne, ist die andere.

Zum Zweiten wird überhaupt gefragt. So ein Abschnitt dauert zwanzig Sekunden, und in diesen zwanzig Sekunden geht es darum, wie es weitergeht. An einem gewöhnlichen Dienstag stellt diese Frage sonst niemand, man selbst am wenigsten.

Zum Dritten will niemand etwas von Dir. Ein Rat von Freunden oder aus der Familie verpflichtet: Beim nächsten Mal wird nachgefragt. Ein gedruckter Abschnitt fragt nie nach. Das macht ihn schwach — und erklärt, warum ihn auch Leute lesen, die ihn keine Sekunde lang für eine Auskunft halten.

Wo die Einwände sehr wohl treffen

Ein Freibrief folgt daraus nicht. Es gibt zwei Stellen, an denen die Kritik genau trifft — nur liegen sie nicht dort, wo üblicherweise gestritten wird.

Die erste liegt bei Dir selbst. Eine fertige Beschreibung kann das Hinsehen ersetzen. Wer gelesen hat, dass sein Zeichen nun einmal schwer verzeiht, hört an dieser Stelle auf, sich zu beobachten; die Frage gilt als beantwortet, ohne dass jemand nachgesehen hätte. Aus einer Beschreibung wird so eine Auskunft darüber, was sich ohnehin nicht ändern lässt — der bequemste Satz, den es über einen Menschen gibt.

Die zweite wiegt schwerer, weil sie nicht Dich betrifft, sondern andere. Ein Zeichen über einen Menschen zu legen, den Du noch gar nicht kennst — den neuen Kollegen, den Freund Deiner Tochter, jemanden, der sich um eine Stelle bewirbt —, heißt, das Urteil vor die Begegnung zu setzen. Das Geburtsdatum ist dann kein Anfang für ein Gespräch mehr, sondern eine Auskunft über jemanden, der nie gefragt wurde. Wer so verfährt, spart sich das Kennenlernen und schiebt die Verantwortung dafür an den Himmel ab. Dagegen hilft kein Gegenargument, sondern nur eine Gewohnheit: mit Anwesenden reden, statt Abwesende zu deuten.

Wozu die Auseinandersetzung trotzdem taugt

Sie zwingt zur Genauigkeit, und das ist nicht wenig. Weiter bringt eine solche Debatte nicht die große Frage, ob an der Astrologie etwas dran sei, sondern eine viel kleinere: Was genau wird in diesem einen Satz behauptet? Beschreibt ein Zeichen eine Neigung, oder kündigt es ein Ereignis an? Erklärt ein Text einen Menschen, oder bietet er ihm ein Bild an, mit dem er etwas anfangen kann?

Solange diese Fragen ineinanderlaufen, wiederholt jede Runde des Streits die vorige — nicht aus Bosheit und nicht aus Dummheit, sondern weil zwei ganz verschiedene Dinge denselben Namen tragen. Wie das Fach aufgebaut ist, über das da gestritten wird, steht unter Astrologie; was die einzelnen Auswertungen überhaupt behaupten, unter Horoskope.