Horoskopanalysen

Indisches Horoskop: der Mondkalender dahinter

Wer eine indische Auswertung aufschlägt, stößt gleich auf Wörter, die im westlichen Horoskop nicht vorkommen: Tithi, Panchanga, Nakshatra. Dahinter steckt kein Geheimwissen, sondern ein Kalender. Er ist anders gebaut als der, nach dem Du Deine Termine machst, und wer ihn versteht, begreift auch, warum in einer indischen Deutung so oft vom Mond die Rede ist und so selten von der Sonne.

Monate, die nach Mondhäusern heißen

Ein Monat läuft in diesem Kalender von einem Neumond zum nächsten; im Norden Indiens ist es üblich, ihn stattdessen am Vollmond enden zu lassen — dieselben Wochen, nur anders abgeteilt. Seinen Namen bekommt er vom Himmel: Er heißt nach dem Mondhaus, in dem der Vollmond dieses Monats steht. Der Monat Kartika trägt deshalb den Namen der Krittika, jener kleinen Sternengruppe, die bei uns Plejaden oder Siebengestirn heißt.

Weil zwölf Mondumläufe kürzer ausfallen als ein Sonnenjahr, wird von Zeit zu Zeit ein dreizehnter Monat dazwischengeschoben; sonst liefen die Monate allmählich aus ihrer Jahreszeit heraus. Ein indisches Fest hat deshalb kein festes Datum in unserem Kalender, wohl aber eine feste Jahreszeit. Wer Kartika kurzerhand November nennt, liegt im nächsten Jahr schon wieder daneben.

Der Tithi: ein Tag ohne feste Länge

An dieser Einheit bleiben die meisten hängen, und sie ist die aufschlussreichste. Ein Tithi misst nicht die Drehung der Erde, sondern den Abstand zwischen Mond und Sonne. Immer wenn dieser Abstand um zwölf Grad gewachsen ist, ist ein Tithi vorüber. Vom Neumond bis zum Vollmond sind es fünfzehn, vom Vollmond zurück noch einmal fünfzehn: dreißig Mondtage in einem Monat.

Weil Mond und Sonne für uns nicht gleichmäßig schnell vorankommen, dauert ein Tithi mal kürzer, mal länger — im Mittel knapp vierundzwanzig Stunden, im Einzelfall merklich darunter oder darüber. Er beginnt auch nicht um Mitternacht, sondern zu jeder beliebigen Stunde. Üblich ist deshalb die Verabredung, dass derjenige Tithi, der bei Sonnenaufgang läuft, dem Kalendertag seinen Namen gibt.

Fünf Glieder machen einen Tag aus

Panchanga heißt wörtlich fünf Glieder, und so viele Angaben gehören zu einem vollständig bestimmten Tag: der Tithi, der Wochentag, das Mondhaus, in dem der Mond gerade steht, dazu zwei weitere Größen aus den Stellungen von Sonne und Mond, Yoga und Karana genannt. Ein indischer Kalender ist damit keine Spalte mit Zahlen, sondern für jeden Tag ein kleiner Steckbrief.

Ein Glied davon kommt Dir bekannt vor. Die sieben Wochentage tragen dieselben sieben Herren wie bei uns, in derselben Reihenfolge: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn. Sonntag und Montag sagen es noch offen heraus; bei Dienstag, Donnerstag und Freitag sind die römischen Götter durch germanische ersetzt worden. Mittwoch und Samstag sind aus der Reihe herausgefallen — der eine zählt bloß die Wochenmitte, der andere geht auf den Sabbat zurück. Im Französischen stecken Mars, Merkur, Jupiter und Venus bis heute unverändert in den Namen. Was die Himmelskörper in einer Deutung bedeuten, steht bei den Planeten.

Warum die Deutung beim Mond anfängt

Ist der Kalender vom Mond her gebaut, liegt es nahe, dass auch das Geburtsbild dort einsetzt. Gefragt wird nach dem Mondhaus, in dem der Mond zur Geburt stand, und nach dem Tithi jenes Tages. In vielen Familien wird der Geburtstag bis heute nach diesem Mondtag begangen und nicht nach dem Datum im Ausweis; die beiden fallen nur selten zusammen.

Dieselbe Rechnung legt die Feste fest: Diwali liegt auf einem Neumond, Holi auf einem Vollmond. Und sie spricht bei der Wahl von Zeitpunkten mit — für eine Hochzeit oder einen Umzug wird ein Tag gesucht, dessen fünf Glieder zum Vorhaben passen. Dieser Kalender ist das Stück Jyotisha, das im Alltag tatsächlich gebraucht wird.

Was Du damit anfangen kannst

Steht in einer Auswertung ein Tithi, dann hast Du eine nachprüfbare Angabe vor Dir und keine Stimmungsbeschreibung: Ob der Mond an Deinem Geburtstag zunahm oder abnahm, findest Du in jedem Mondkalender wieder, und wie weit er damals von der Sonne entfernt stand, folgt daraus. Und wann Dein Mondgeburtstag in diesem Jahr liegt, beantwortet kein Deuter, sondern ein Panchanga. Wie eine dritte Überlieferung ihre Zeit einteilt, zeigt zum Vergleich die chinesische Astrologie.