Jahreswechsel: ein Termin, den kein Planet kennt
In den Wochen zwischen Weihnachten und Mitte Januar wird über Horoskope mehr geredet und geschrieben als sonst im ganzen Jahr. Zeitschriften räumen Doppelseiten frei, Sendungen greifen das Thema auf, und die Frage, wie das kommende Jahr wird, steht plötzlich überall. Wer wissen will, was die Astrologie in der Öffentlichkeit ist, sollte sich diese Wochen ansehen — und zuerst bemerken, dass am Himmel in ihnen nichts Besonderes vorgeht.
Um Mitternacht ändert sich am Himmel nichts
Der Jahreswechsel ist eine Verabredung unter Menschen. Was in der Silvesternacht am Himmel geschieht, geschieht in einer Nacht Mitte November genauso: Der Mond zieht weiter, die Planeten stehen dort, wo sie am Vorabend standen, und keiner von ihnen merkt, dass eine Ziffer im Datum wechselt. Die Sonne läuft in diesen Tagen durch den Steinbock und erreicht den Wassermann erst um den 20. Januar.
Einschnitte gibt es in dieser Jahreszeit durchaus, sie liegen nur woanders. Zehn Tage vor Silvester steht die Wintersonnenwende, der kürzeste Tag, von dem an das Licht wieder zunimmt. Der Anfang, den die Astrologie selbst zählt, liegt noch weiter weg: Ihr Kreis beginnt am Frühlingspunkt, wenn die Sonne um den 20. März in den Widder tritt. Das chinesische Neujahr wiederum richtet sich nach einem Neumond, der frühestens auf den 21. Januar und spätestens auf den 20. Februar fällt. Selbst der 1. Januar ist keine uralte Selbstverständlichkeit — in Europa wurde der Jahresanfang jahrhundertelang auf andere Tage gelegt.
Das Kalenderjahr ist keine astrologische Einheit
Daraus folgt etwas, das selten ausgesprochen wird: Der Abschnitt vom 1. Januar bis zum 31. Dezember entspricht keiner einzigen Größe dieses Fachs. Jupiter braucht knapp zwölf Jahre für den ganzen Tierkreis und hält sich damit ungefähr ein Jahr in einem Zeichen auf — nur betritt er es, wann er es betritt, und das ist so gut wie nie ein Neujahrstag. Saturn überspannt mit einem einzigen Zeichenaufenthalt mühelos drei Kalenderjahre. Und das persönliche Jahr, mit dem die Astrologie rechnet, fängt nicht im Januar an, sondern in der Nähe des eigenen Geburtstags.
Eine Vorschau auf ein Kalenderjahr ist deshalb ein Gefäß, das der Kalender vorgibt und in das Vorgänge einsortiert werden, die vorher angefangen haben und hinterher weiterlaufen. Schief wird das erst, wenn ein Jahr so geschildert wird, als hätte es am 1. Januar begonnen und als wäre es am 31. Dezember erledigt.
Warum die Nachfrage genau dann steigt
Die Erklärung liegt nicht am Himmel, sondern im Leben. Um den Jahreswechsel häuft sich alles, was zur Bilanz zwingt: Verträge laufen aus, Abrechnungen stehen an, Vorsätze werden gefasst, die Tage sind kurz, und am Feiertagstisch wird zuverlässig gefragt, wie es bei Dir weitergeht.
Dazu kommt der Redaktionsalltag. Ende Dezember wollen Seiten gefüllt werden, während wenig geschieht. Eine Jahresvorschau lässt sich Wochen im Voraus schreiben, sie handelt von einem Zeitraum, über den noch niemand etwas wissen kann, und gelesen wird sie mit Sicherheit.
Der Streit hat dieselbe Saison
Der Widerspruch tritt im selben Takt auf. Beiträge darüber, wie viele Menschen sich auf Horoskope einlassen und was davon zu halten sei, häufen sich in genau denselben Wochen — nicht weil die Frage im Januar dringlicher wäre, sondern weil dann die Vorhersagen dastehen, an denen sich etwas entzünden kann. Was zum Jahreswechsel zunimmt, ist also weder die Astrologie noch die Skepsis, sondern die Menge der Texte über beides.
Was von einem Jahresausblick bleibt
Brauchbar ist an der Sache, was der Kalender wirklich leistet: einen festen Termin zum Innehalten. Dass ihn kein Himmelskörper markiert, macht ihn nicht wertlos — er wirkt, weil alle ihn gleichzeitig einhalten. Ein sorgfältig gebauter Ausblick nennt deshalb Zeiträume statt Jahreszahlen: die Wochen, in denen ein langsamer Planet das Zeichen wechselt, die Monate, in denen ein Durchgang läuft. Welche Auswertungen sich auf einen bestimmten Zeitraum beziehen, steht unter Horoskope; wie ein anderer Kulturkreis seinen Jahresanfang legt, unter Chinesische Astrologie.