Horoskopanalysen

Sechzig statt hundertzwanzig: Stämme, Zweige und der große Zyklus

Die zwölf Tiere kennt jeder, den großen Zyklus dahinter kaum jemand. Dass der chinesische Kalender aus zehn Himmelsstämmen und zwölf Erdzweigen gebaut ist, liest man noch überall. Warum daraus sechzig Jahre werden und nicht hundertzwanzig, erklärt fast niemand – dabei ist es eine Rechenaufgabe von zwei Minuten, und danach verwirrt sie nie wieder. Diese Seite gehörte ursprünglich zu einer Hörfolge; hier steht der Stoff zum Nachlesen.

Jeder Stamm und jeder Zweig hat ein Vorzeichen

Was in den meisten Darstellungen fehlt, ist die Polarität. Die zehn Stämme sind die fünf Wandlungsphasen in je zwei Ausführungen – Holz, Holz, Feuer, Feuer, Erde, Erde, Metall, Metall, Wasser, Wasser –, und von jedem Paar gilt der erste als Yang, der zweite als Yin.

Bei den zwölf Zweigen ist es dasselbe, nur ohne Verdopplung: Ratte Yang, Büffel Yin, Tiger Yang, Hase Yin und so fort bis zum Schwein. Sechs Tiere sind Yang, sechs sind Yin, streng im Wechsel.

Ein Jahresname besteht aus beidem, Stamm zuerst, Zweig danach. „Metall-Hahn“ und „Wasser-Tiger“ sind Übersetzungen genau dieser Doppelangabe.

Warum nicht hundertzwanzig

Zehn mal zwölf wäre hundertzwanzig. Es gibt aber nur sechzig Kombinationen, und der Grund ist die Polarität: Ein Yang-Stamm trifft immer auf einen Yang-Zweig, ein Yin-Stamm immer auf einen Yin-Zweig. Die andere Hälfte der denkbaren Paare kommt schlicht nicht vor.

Die Probe lässt sich in beide Richtungen machen. Jedes Tier trifft im Lauf des Zyklus fünf Stämme – einen je Phase, immer in derselben Polarität. Zwölf Tiere mal fünf ergibt sechzig. Umgekehrt trifft jeder Stamm sechs Tiere; zehn mal sechs ergibt ebenfalls sechzig. Mathematisch ist es das kleinste gemeinsame Vielfache von zehn und zwölf: Die beiden Räder stehen erst nach sechzig Schritten wieder gleich.

Daraus folgt eine Faustregel, die viel Verwirrung erspart: Es gibt keinen Yin-Drachen und keinen Yang-Hasen. Wer so etwas liest, liest einen Fehler.

Nicht nur Jahre

Dass derselbe Zyklus auch Tage zählt, wird meist in einem Nebensatz abgehandelt. Dabei ist die Tageszählung der älteste Teil des ganzen Systems: Sie ist schon auf den Orakelknochen der Shang-Zeit belegt und läuft seither durch, unabhängig von allen Kalenderreformen. Wenn Du ein Geburtsbild rechnen lässt, bekommst Du für Deinen Geburtstag eine Stamm-Zweig-Kombination aus dieser sehr langen Kette.

Für die Jahre lässt sich der Anfang genau benennen: Der gegenwärtige Sechzigerzyklus begann 1984, einem Jahr der Holz-Ratte, und läuft bis 2043. Er ist damit gut zur Hälfte durch.

Der sechzigste Geburtstag

Jetzt wird der Zyklus lebenspraktisch. Wirst Du sechzig, kehrt die Stamm-Zweig-Kombination Deines Geburtsjahres zum ersten Mal zurück. In China, Korea und Japan ist das ein eigener Anlass: Der sechzigste Geburtstag wird größer gefeiert als der fünfzigste, weil mit ihm eine ganze Runde geschlossen ist und, im Bild der Überlieferung, eine neue beginnt.

Man muss an Astrologie nicht glauben, um daran etwas Schönes zu finden. Ein Kalender, der das Alter nicht als Strich auf einer Geraden zählt, sondern als Runde, gibt dem Datum eine andere Bedeutung als eine bloß größere Zahl. Wie aus Stämmen, Zweigen und den fünf Phasen eine Deutung wird, steht unter chinesische Astrologie.