Der Drache: das einzige erfundene Tier der Reihe
Elf der zwölf Tiere des chinesischen Tierkreises kannst Du im Zoo ansehen. Beim fünften wird das schwierig. Der Drache ist das einzige Wesen der Reihe, das es nie gegeben hat — und damit das einzige, bei dem allein davon abhängt, welche Geschichten Du gehört hast, was Dir beim Namen vor Augen steht.
Zwei Wesen, ein Wort
Unser Drache kam über das lateinische draco aus dem Griechischen zu uns, und die Erzählungen kamen mit ihm. Der europäische Drache ist ein Gegner. Er bewacht einen Hort, verwüstet ein Land, und irgendwann steht einer mit einem Schwert vor ihm — Siegfried, der heilige Georg. Der Ausgang ist stets derselbe.
Das ostasiatische Wesen, das man mit demselben Wort überträgt, heißt auf Chinesisch lóng und lebt in einer ganz anderen Nachbarschaft. Erschlagen wird er nicht. Gebeten wird er.
Ein Wesen des Wassers
Der lóng gehört zu Flüssen, Seen und dem Meer, vor allem aber zu Wolken und Regen. Er steigt auf, und mit ihm kommt die Feuchtigkeit. In einer Landwirtschaft, die am rechtzeitigen Regen hing, war das nicht poetisch gemeint, sondern die wichtigste Frage des Jahres; bei anhaltender Dürre wandte man sich an ihn. Die Darstellungen zeigen ihn entsprechend: kein gedrungener Leib mit Flügeln, sondern ein langes, gewundenes Tier zwischen Wolkenbändern, mehr Strömung als Ungeheuer.
Dazu kam, was heute meist zuerst genannt wird: Am Hof wurde er zum Zeichen der Herrschaft. Regen, Glück und Macht — aus dieser Mischung stammt das Ansehen, das dem Zeichen in Ostasien bis heute zukommt.
Der blaugrüne Drache am Osthimmel
Jetzt wird es astronomisch, und hier liegt ein Punkt, den kaum eine deutsche Darstellung erwähnt: In der chinesischen Himmelskunde kommt der Drache zweimal vor.
Die ältere Einteilung zerlegt den Sternhimmel nicht in zwölf Abschnitte, sondern in vier große Felder, je eines für eine Himmelsrichtung und eine Jahreszeit, jedes unter einem Tier: im Osten der blaugrüne Drache für das Frühjahr, im Süden ein roter Vogel, im Westen ein weißer Tiger, im Norden eine dunkle Schildkröte. Blaugrün deshalb, weil das chinesische Farbwort Blau und Grün zugleich abdeckt. Jedes der vier Felder umfasst sieben von achtundzwanzig Abschnitten, an denen der Lauf des Mondes abgelesen wurde.
Derselbe Name, eine andere Ordnung: Dort bezeichnet der Drache ein Viertel des ganzen Himmels, hier ein Zwölftel der Jahre. Wer die beiden durcheinanderbringt, wundert sich über Angaben, die einander zu widersprechen scheinen und schlicht aus verschiedenen Systemen stammen.
Der fünfte Platz im Kreis
Im Zwölferkreis hat der Drache mit alldem nichts mehr zu tun. Dort bezeichnet Drache einen Platz und beschreibt kein Tier: den fünften Erdzweig von zwölf. Dieser Platz trägt die Wandlungsphase Erde und liegt an einer Naht, nämlich dort, wo das Frühjahr in den Sommer übergeht — vier der zwölf Plätze liegen an solchen Nähten, und alle vier tragen Erde. Das ist der Grund, weshalb in Tabellen zum Drachen Erde steht und nicht Feuer.
Drei Schichten, ein Name
Wenn in einem deutschen Text Drache steht, kann dreierlei gemeint sein: das Untier der europäischen Sagen, der lóng der ostasiatischen Überlieferung oder der fünfte Erdzweig des Kalenders. Gemeinsam haben die drei den Namen und sonst wenig. Bei elf der zwölf Zeichen erübrigt sich die Rückfrage, weil das Tier in jeder Sprache dasselbe ist. Beim Drachen lohnt sie sich jedes Mal.
Und praktisch? Wenn Dich das Zeichen interessiert, fang beim Platz im Kreis an und nicht beim Tier; das Wesen mit den Wolken kannst Du danach in Ruhe dazulesen, es ist die schönere Hälfte der Geschichte. Die übrigen Tiere und den Aufbau des Systems findest Du unter chinesische Astrologie; wie der europäische Tierkreis dagegen gebaut ist, liest Du bei den Sternzeichen.