Der Schlangenträger und das angeblich 13. Sternzeichen
Alle paar Jahre geht dieselbe Meldung durch die Nachrichten: Die Astronomie habe ein dreizehntes Sternzeichen gefunden, sämtliche Horoskope seien damit hinfällig, und Du seist in Wahrheit gar kein Skorpion. Ein paar Tage Aufregung, dann ist die Sache wieder verschwunden — bis zum nächsten Mal. Dahinter steckt ein echtes Sternbild mit einer schönen Geschichte und ein Missverständnis, das sich in wenigen Sätzen ausräumen lässt.
Wer der Schlangenträger ist
Ophiuchus, auf Deutsch der Schlangenträger, ist ein großes, aber eher unauffälliges Sternbild des Sommerhimmels, nördlich des Skorpions. Es stellt einen Mann dar, der mit beiden Händen eine Schlange hält. Die Schlange zählt dabei als eigenes Sternbild und liegt geteilt zu seinen Seiten: der Kopf westlich, der Schwanz östlich von ihm. Sein hellster Stern trägt einen arabischen Namen, Rasalhague, und der bedeutet nichts anderes als Kopf des Schlangenbeschwörers.
In der antiken Überlieferung ist die Figur Asklepios, der Heilkundige. Sein Stab mit der Schlange ist bis heute das Zeichen der Apotheken und der ärztlichen Berufe geblieben. Die Schlange häutet sich und kommt erneuert hervor — in dieser Geschichte ist sie deshalb kein Schrecken, sondern ein Bild für Genesung. Ein Charakterbild für einen Schlangenträger-Typ findet sich darin übrigens nicht: Die Geschichte erzählt von einem Heiler, nicht von Menschen, die unter ihm zur Welt kommen.
Dass die Sonne hindurchläuft, ist keine Neuigkeit
Die Ekliptik — die Linie, auf der die Sonne im Lauf eines Jahres über den Himmel wandert — streift den Schlangenträger tatsächlich. Zwischen Skorpion und Schütze führt sie ein ordentliches Stück durch sein Gebiet, gut zwei Wochen lang. Das steht in jeder Sternkarte und ist keine Entdeckung der letzten Jahre; auf den Tag ausrechnen lässt es sich, seit die Grenzen der Sternbilder verbindlich gezogen sind. Neu an der Meldung ist allein, wie zuverlässig sie wiederkehrt.
Ein Sternbild ist kein Zeichen
Ein Sternbild ist eine Fläche am Himmel, und diese Flächen sind sehr verschieden groß. Ihre heutigen Grenzen hat die Internationale Astronomische Union im 20. Jahrhundert festgelegt, entlang glatter Koordinatenlinien. Die Folge: In dem einen Sternbild steht die Sonne nur wenige Tage, in einem anderen weit über einen Monat. Als Einteilung des Jahres taugt das nicht.
Ein Tierkreiszeichen ist etwas anderes: ein Abschnitt von genau dreißig Grad auf der Ekliptik, gezählt vom Frühlingspunkt aus. Zwölfmal dreißig Grad ergeben den vollen Kreis. Diese Einteilung stammt aus Babylon, sie ist rund zweieinhalbtausend Jahre alt, und ihre Namen hat sie sich von den Sternbildern geborgt, die damals ungefähr dort standen. Mehr als eine Namensverwandtschaft war es nie. Deshalb geht auch die Frage, in welchem Sternbild die Sonne heute wirklich stehe, an der Sache vorbei: Ein Zeichen ist ein Maß, kein Bild.
Dreizehn ginge rechnerisch gar nicht
Nimm einmal an, jemand wollte den Kreis ernsthaft in dreizehn Teile schneiden. Dann fiele das ganze Gerüst in sich zusammen, an dem die Deutung hängt. Zwölf lässt sich halbieren, dritteln und vierteln: zwei Polaritäten, drei Qualitäten, vier Elemente, sechs Achsen aus je zwei gegenüberliegenden Zeichen. Dreizehn ist eine Primzahl. Es gäbe kein Gegenüber mehr, keine Dreiergruppen gleichen Elements, keine Aufteilung in tätig und aufnehmend — und damit nichts mehr von dem, was unter vier Elemente beschrieben ist. Zwölf ist außerdem die Zahl, die zum Jahr passt: Etwa zwölfmal wird der Mond voll, während die Sonne einmal herumläuft.
Für Dein Horoskop ändert sich nichts
Die Stände von Sonne, Mond und Planeten zum Zeitpunkt Deiner Geburt sind gemessene Größen. Sie liegen fest, ganz unabhängig davon, wie viele Figuren jemand an den Himmel zeichnet. Eine Zeitungsmeldung verschiebt keinen einzigen Grad. Was Dein Zeichen im Einzelnen aussagt, findest Du unter Sternzeichen, und wie es mit dem Aufgangszeichen zusammenspielt, unter Aszendent.
Der Schlangenträger verliert bei alldem nichts. Er bleibt ein großes Sternbild mit einem Heiler, einer Schlange und einem der schönsten Sternnamen des Himmels — sieh ihn Dir in einer klaren Sommernacht einmal an.