Horoskopanalysen

Siderischer und tropischer Tierkreis

Es gibt zwei Tierkreise, und sie liegen heute rund 24 Grad auseinander. Wer westlich Sonne im Widder hat, hat sie siderisch meist in den Fischen. Der Streit darüber ist alt, oft schlecht geführt, und in der Sache nicht entscheidbar — aber gut verstehbar.

Woher die Verschiebung kommt

Aus der Präzession: die Erdachse beschreibt einen Kreisel mit einer Umlaufzeit von rund 25 800 Jahren. Dadurch wandert der Frühlingspunkt — der Schnittpunkt von Himmelsäquator und Ekliptik — langsam rückwärts durch die Sternbilder, etwa einen Grad in 72 Jahren.

Vor etwa zweitausend Jahren fielen beide Tierkreise zusammen. Seither laufen sie auseinander.

Was jeder misst

Der tropische Tierkreis setzt 0° Widder auf den Frühlingspunkt. Er ist an die Jahreszeiten gebunden: 0° Widder ist immer der Frühlingsanfang, 0° Krebs immer die Sommersonnenwende. Er misst das Verhältnis der Erde zur Sonne.

Der siderische Tierkreis setzt 0° Widder an einem Fixstern fest. Er ist an die Sterne gebunden und folgt ihnen. Er misst das Verhältnis zum Sternhintergrund.

Beide sind rechnerisch einwandfrei. Sie messen schlicht Verschiedenes — wie Meereshöhe und Höhe über Grund.

Warum die Frage nicht entscheidbar ist

Weil die Antwort davon abhängt, worauf man die Bedeutung eines Zeichens gründet.

Gründet sie auf der Jahreszeit — der Widder als beginnender Frühling, warm und trocken, vorwärtsdrängend —, dann ist der tropische Tierkreis der richtige, und die ganze Lehre der vier Qualitäten hängt daran.

Gründet sie auf den Sternbildern selbst, dann ist der siderische der richtige.

Die westliche Tradition hat sich für die Jahreszeiten entschieden, und zwar früh: Ptolemäus begründet das ausdrücklich. Die indische Tradition hat sich für die Sterne entschieden. Beide sind seither in sich schlüssig geblieben.

Der Ayanamsa

Der Abstand zwischen beiden heißt Ayanamsa. Er beträgt heute rund 24°, und — das ist der unbequeme Teil — sein genauer Wert hängt davon ab, welchen Nullpunkt man am Sternhimmel wählt. Es sind mehrere im Gebrauch, die um mehrere Grad auseinanderliegen.

Innerhalb der siderischen Praxis ist die Frage also nicht endgültig geklärt. Wer siderisch rechnet, sollte sagen, mit welchem Ayanamsa.

Das übliche Missverständnis

„Die Astrologen rechnen falsch, weil die Sonne am 1. April gar nicht im Sternbild Widder steht.“

Das trifft zu und trifft nicht den Punkt. Die westliche Astrologie behauptet nichts über Sternbilder: ihre Zeichen sind Abschnitte von je dreißig Grad, gezählt vom Frühlingspunkt, und heißen nur aus historischen Gründen wie die Sternbilder. Das ist seit der Antike bekannt und wird ausdrücklich so gelehrt.

Verwandt: die indische Astrologie, die Sternzeichen.