Die Grammatik des Wochenhoroskops
„Diese Woche klärt sich etwas, das Dich schon länger beschäftigt.“ Sätze dieser Bauart stehen in jedem zweiten Wochenhoroskop, und sie treffen zu — bei Dir, bei Deiner Nachbarin und bei so ziemlich jedem, der sie liest. Der Grund dafür steckt nicht am Himmel, sondern im Satzbau. Sichtbar wird er, sobald man einen solchen Text so auseinandernimmt, wie man im Deutschunterricht einen Satz zerlegt.
Niemand tut etwas
„Es klärt sich.“ „Eine Entscheidung steht an.“ „Da kommt Bewegung hinein.“ In keinem dieser Sätze gibt es jemanden, der handelt. Mal ist das Verb rückbezüglich, mal ist das Subjekt selbst schon ein Geschehen; in jedem Fall fehlt die handelnde Person, und damit fehlt auch die Stelle, an der etwas ausbleiben könnte.
Denselben Dienst leisten Hauptwörter, die aus Verben gemacht sind: eine Klärung, eine Begegnung, eine Veränderung. Sie benennen ein Geschehen, ohne zu sagen, wer es mit wem, wann und wo erlebt. Vergleiche das mit dem Satz „Am Donnerstag ruft Deine Vermieterin an.“ Der nennt eine Person, einen Tag und eine Handlung — und er kann danebengehen.
Die Hecken
Wörter wie eher, etwas, womöglich, im Grunde, nicht selten oder ein wenig heißen in der Sprachwissenschaft Heckenausdrücke: Sie stehen wie eine Hecke um eine Behauptung und nehmen ihr die scharfen Kanten. Dazu kommen die Modalverben — dürfte, könnte, mag sein.
Die Probe ist schnell gemacht. Streiche in einem Horoskopabsatz alle diese Wörter und lies ihn noch einmal. Übrig bleiben zwei Sorten von Sätzen: solche, die plötzlich etwas behaupten, und solche, von denen fast nichts übrig ist.
Leerstellen zum Ausfüllen
„Jemand aus Deinem Umfeld.“ „Eine alte Angelegenheit.“ „Etwas, das Du vor Dir herschiebst.“ Solche Ausdrücke zeigen auf etwas, ohne es zu nennen. Sie arbeiten wie ein Formularfeld: Der Text stellt den Rahmen, Du trägst den Inhalt ein.
Und Du trägst ihn ein, ohne es zu merken, in einem Sekundenbruchteil. Wer sich dabei zusieht, bemerkt die eigene Arbeit: Bei „jemand aus Deinem Umfeld“ taucht ein Gesicht auf, und von da an handelt der Text von dieser Person. Eingesetzt hast Du sie selbst.
Ratschläge kann man nicht widerlegen
„Achte diese Woche auf Deine Grenzen.“ „Nimm Dir Zeit für ein Gespräch, das ansteht.“ Aufforderungen behaupten nichts über die Welt. Sie können klug sein oder überflüssig, falsch sein können sie nicht, weil sie über den kommenden Donnerstag gar nichts sagen.
In vielen Kolumnen besteht die Hälfte des Textes aus solchen Sätzen. Gelesen wird der Abschnitt trotzdem als Vorhersage: Die Form verspricht eine Auskunft über die Zukunft, geliefert wird ein gut gemeinter Rat.
Das Du, das auf niemanden zeigt
Der letzte Baustein steckt in der Anrede. „Du“ ist in der Grammatik ein Zeigewort. Es hat keine feste Bedeutung, sondern bekommt sie erst von der Lage, in der jemand es ausspricht: Im Gespräch zeigt es auf den Menschen gegenüber. In einer gedruckten Kolumne steht niemand gegenüber, und deshalb zeigt es auf den, der gerade liest.
Davon lebt die ganze Gattung. Ein und derselbe Satz spricht Hunderttausende einzeln an, und jeder von ihnen kann zu Recht sagen, er sei gemeint. Ersetze das „Du“ probeweise durch „Menschen mit diesem Sternzeichen“: Der Inhalt bleibt derselbe, die Wirkung ist weg.
Zwei Proben für zu Hause
Die erste: Tausche die Überschriften. Lies den Absatz für den Stier unter der Überschrift Waage. Fällt Dir dabei nichts auf, handelt der Text nicht von einem Zeichen, sondern von Menschen im Allgemeinen.
Die zweite ist reine Satzarbeit. Geh einen Absatz Satz für Satz durch und notiere neben jedem Satz drei Dinge: wer darin etwas tut, wann, und womit. Bei den meisten Sätzen bleibt die Zeile leer. Die wenigen, bei denen sie sich füllt, sind die einzigen, über die man am Sonntag überhaupt reden kann.
Damit ist über die Astrologie nichts entschieden. Beschrieben ist eine Schreibweise, und die ist austauschbar: Dieselbe Deutung ließe sich auch in Sätzen aufschreiben, die eine Person, ein Datum und eine Sache nennen — nur werden solche Sätze seltener gedruckt, weil sie sich blamieren können. Wie die Gattung üblicherweise klingt, hörst Du am kostenlosen Wochenhoroskop heraus; woran eine Deutung sich überhaupt festmacht, siehst Du an den Bestandteilen eines Horoskops.