Die fünf Drachen: das Tier und sein Element
Wer in einem Drachenjahr geboren ist, hört selten nur Drache. Meist steht ein Element davor: Holzdrache, Wasserdrache, Metalldrache. Das ist keine Verzierung, sondern die zweite Hälfte der Angabe — und sie erklärt, warum zwei Menschen mit demselben Tier so verschieden beschrieben werden. Dahinter steht eine der ältesten Zählweisen überhaupt, und sie ist erfreulich einfach gebaut.
Zwei Reihen, die nebeneinanderlaufen
Der chinesische Kalender zählt die Jahre mit zwei Reihen gleichzeitig. Die eine hat zwölf Glieder, die zwölf Erdzweige — das sind die Tiere, unter ihnen an fünfter Stelle der Drache. Die andere hat zehn Glieder, die zehn Himmelsstämme: die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, jede in einer kräftigen und einer verhaltenen Spielart, Yang und Yin.
Jedes Jahr bekommt ein Glied aus jeder Reihe, dann rücken beide um eins weiter. Weil zehn und zwölf erst bei sechzig wieder aufeinandertreffen, dauert es sechzig Jahre, bis dieselbe Paarung wiederkommt. Diese Zahl ist der Grund, warum in der chinesischen Astrologie ständig von sechzig die Rede ist, während auf dem Tischset im Restaurant nur zwölf Tiere stehen.
Warum es fünf Drachen gibt und nicht zehn
Der Drache steht an fünfter Stelle, also an einer ungeraden. Weil beide Reihen im selben Takt weiterrücken und beide eine gerade Gliederzahl haben, trifft ein ungerader Zweig stets auf einen ungeraden Stamm — und die ungeraden Stämme sind die Yang-Spielarten. Ein Yin-Drache kommt im Zyklus deshalb gar nicht vor. Es bleiben fünf, und zwar diese:
- Holzdrache — 1964 und 2024
- Feuerdrache — 1976 und 2036
- Erddrache — 1928 und 1988
- Metalldrache — 1940 und 2000
- Wasserdrache — 1952 und 2012
Der Abstand zwischen zwei gleichen Einträgen beträgt genau sechzig Jahre. Wer 2024 geboren ist, teilt seine Jahresangabe mit jemandem aus dem Jahrgang 1964 — und mit niemandem dazwischen.
Der Zweig bringt sein eigenes Element mit
Hier wird es interessant. Der Drache selbst ist der Phase Erde zugeordnet, weil er am Übergang zweier Jahreszeiten steht. Das Element aus dem Stamm kommt also nicht auf eine leere Fläche, sondern legt sich auf diese Erde — und die beiden stehen zueinander in einem Verhältnis, das die Tradition genau benennt:
- Holz über Erde: Holz durchzieht und bindet die Erde, es nimmt sie in Anspruch. Eine Spannung, die Bewegung erzeugt.
- Feuer über Erde: Feuer nährt die Erde, es hinterlässt Asche. Ein stützendes Verhältnis.
- Erde über Erde: dasselbe zweimal. Sehr stabil und nicht sehr wendig.
- Metall über Erde: die Erde bringt das Metall hervor; hier gibt der Zweig an den Stamm ab.
- Wasser über Erde: die Erde begrenzt das Wasser. Der Zweig hält den Stamm in Schranken.
Deshalb sagt ein Holzdrache etwas anderes als ein Feuerdrache, obwohl beide Drachen sind. Nicht das Tier ist verschieden, sondern das Kräfteverhältnis, in dem es steht.
Ein hartnäckiger Irrtum
Man liest oft, das Element wechsle alle zwölf Jahre. Das stimmt nicht. Es wechselt von Jahr zu Jahr: Jede Wandlungsphase besetzt zwei aufeinanderfolgende Jahre, erst in der Yang-, dann in der Yin-Spielart, und nach zehn Jahren beginnt die Reihe von vorn. Was alle zwölf Jahre wiederkommt, ist das Tier — und es trifft dann auf den nächsten Stamm in der Reihe. Erst nach sechzig Jahren stehen Tier und Element wieder so beieinander wie bei Deiner Geburt.
Zwei Dinge lohnen sich noch zu wissen. Das Jahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern im Spätwinter, weshalb Geburtstage im Januar und Februar immer eine Prüfung verlangen. Und die Jahresangabe ist nur die gröbste von mehreren: In einer vollständigen Rechnung tragen Monat, Tag und Doppelstunde ihre eigene Paarung aus Stamm und Zweig bei. Der Holzdrache ist damit ein Anfang, keine Auskunft über einen ganzen Menschen.