Woher die zwölf Tiere kommen
Ratte und Büffel, Tiger und Hase, Drache und Schlange, dann Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein: Diese zwölf Namen kennt jeder, der je von chinesischer Astrologie gehört hat. Sie sind zugleich das Jüngste am ganzen System — Etiketten auf einer Zählreihe, die sehr lange ohne sie ausgekommen ist. Wer das weiß, liest die Tierbeschreibungen mit anderen Augen.
Erst die Zählreihe, dann die Tiere
Gezählt wird mit zwölf Erdzweigen. Das sind Schriftzeichen ohne Bildinhalt, die zusammen mit zehn Himmelsstämmen Tage, Monate und Jahre durchnummerieren — eine Art Kalenderalphabet. Diese Zählung ist alt: Auf den Orakelknochen der Shang-Zeit, gut tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, werden damit bereits die Tage gezählt. Von Ratten und Drachen ist dort nicht die Rede.
Die Tiere kommen später hinzu. Vollständig und in der heutigen Reihenfolge findet man sie in Texten der Han-Zeit, also im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung; ältere Handschriften auf Bambusstreifen ordnen den Zweigen zwar schon Tiere zu, weichen aber an mehreren Stellen ab. Die Legende vom Wettlauf am Fluss, die in Ostasien jedes Kind kennt, erzählt, wie die Tiere zu ihren Plätzen gekommen sein sollen. Woher die zwölf Plätze selbst stammen, die dort verteilt werden, erzählt sie nicht.
Das hat eine praktische Folge. Gerechnet wird mit den Zweigen und ihren Wandlungsphasen, nicht mit den Tieren. Ein Tier ist der Name einer Position, so wie „Widder“ im Westen der Name für dreißig Grad Tierkreis ist — und kein Astrologe leitet aus dem Fell eines Widders etwas ab.
Nicht überall dieselben zwölf
Der Zyklus ist mit dem Kalender nach Vietnam, Korea, Japan und weiter gewandert und hat unterwegs Tiere getauscht. Die Zweige blieben dabei unverändert — nur ihre Namen nicht.
- In Vietnam steht an vierter Stelle die Katze, dort, wo in China der Hase läuft. Das zweite Zeichen ist dort der Wasserbüffel, das Arbeitstier der Reisfelder.
- In Japan wird das zwölfte Zeichen als Wildschwein gelesen und nicht als Hausschwein.
- Das achte Zeichen heißt im Chinesischen yang — ein Wort, das Ziege und Schaf zugleich umfasst. In deutschen Darstellungen wird meist die Ziege daraus, in japanischen das Schaf. Beides ist richtig übersetzt.
Dass die Tiere wandern, die Zählung aber nicht, zeigt noch einmal, welche der beiden Schichten die tragende ist.
Wo Dir das Jahrestier im Alltag begegnet
In Ostasien ist das Tierzeichen kein Nischenthema wie bei uns die Horoskopspalte, sondern ein Stück Umgangssprache.
- Zum Neujahrsfest ist das Tier des kommenden Jahres allgegenwärtig: auf Schmuck, Gebäck und Glückwünschen. Die chinesische Post gibt seit 1980 zu jedem Jahr eine Tierkreismarke heraus.
- Nach dem Tierzeichen zu fragen ist eine höfliche Art, nach dem Jahrgang zu fragen. Wer das Tier hört und das Alter grob einschätzen kann, weiß das Geburtsjahr.
- Das eigene Tierjahr, das alle zwölf Jahre wiederkehrt, gilt als heikel. Man trägt darin Rot — einen Gürtel, Socken —, traditionell geschenkt von älteren Verwandten.
- In Drachenjahren steigen die Geburtenzahlen in mehreren ostasiatischen Ländern messbar an. Das Zeichen gilt als das günstigste, und genug Eltern richten sich danach, dass man es in der Statistik sieht.
Was das für die Tierporträts heißt
Die Beschreibungen, die man überall liest — die Ratte findig, der Hund treu, das Schwein gutmütig —, sind aus dem Bild des Tieres gewonnen und nicht aus dem Kalender. Sie sind deshalb der am leichtesten übersetzbare Teil des Systems und zugleich der unverbindlichste: Sie lassen sich in jede Sprache tragen, ohne dass eine einzige Rechnung mitkommt.
Dagegen ist nichts einzuwenden, solange klar bleibt, was man da liest — eine Merkschicht und keine Auswertung. Was unter den Namen liegt und wie daraus ein Geburtsbild wird, steht bei der chinesischen Astrologie.